Verein Journalismus und Wissenschaft

Patriotische Wirtschaft?

Kann es so etwas wie eine „patrio­ti­sche“ Wirt­schaft geben? Oder ist das von Vorn­her­ein illu­so­risch, weil es in die­sem Sys­tem unse­rer Gesell­schaft nun ein­mal ganz schlicht um das Geld­ver­die­nen geht?

Es fällt schließ­lich schon schwer, unter markt­wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen den evo­lu­tio­nä­ren Sinn von Beru­fen zu bewah­ren. Ist die Haupt­auf­ga­be und Beru­fung des Arz­tes unter Gewinn­druck tat­säch­lich noch das Ret­ten von Menschenleben?

Wenn schon die­ser evo­lu­tio­nä­re Sinn ein­zel­ner Tätig­kei­ten unter die Räder kommt, wie soll es dann gelin­gen, natio­na­le Inter­es­sen und öko­no­mi­schen Erfolg im glo­ba­len Wett­be­werb in Ein­klang zu brin­gen? Ant­wor­ten dar­auf bie­tet Kon­stan­tin Rich­ter mit sei­nem furio­sen Buch über den „Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG“, das den Titel Drei­hun­dert Män­ner trägt, weil Rich­ter ange­lehnt an Wal­ter Rathen­au davon aus­geht, daß es eine rela­tiv über­schau­ba­re, män­ner­bün­disch orga­ni­sier­te Eli­te war, die Deutsch­land an die Welt­spit­ze der Wirt­schaft kata­pul­tier­te. Die­se Leis­tung ist umso bemer­kens­wer­ter, da die Unter­neh­men wäh­rend­des­sen zwei Welt­krie­ge über­ste­hen mußten.

Die Aus­gangs­be­din­gun­gen für Wer­ner Sie­mens, Robert Bosch, Gott­lieb Daim­ler, Carl Lin­de und vie­le ande­re Erfin­der sowie Unter­neh­mens­grün­der im Wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich waren dabei alles ande­re als ide­al, wie Kon­stan­tin Rich­ter erklärt. „Das Land bot kei­nen Mas­sen­markt – und die Unter­neh­mer mach­ten aus der Not eine Tugend. Sie setz­ten auf teu­re Qua­li­täts­pro­duk­te, Maschi­nen ins­be­son­de­re, in klei­nen Stück­zah­len her­ge­stellt und auf die ver­schie­de­nen Bedürf­nis­se einer breit gefä­cher­ten und inter­na­tio­na­len Kund­schaft aus­ge­rich­tet. Der Fokus lag auf dem Stre­ben nach tech­ni­scher Perfektion.«

Zugleich, und hier wird nun die Fra­ge nach der „patrio­ti­schen“ Wirt­schaft beant­wor­tet, bemüh­ten sich die expor­tie­ren­den Unter­neh­men dar­um, „so viel Pro­duk­ti­on wie mög­lich in Deutsch­land zu belas­sen“. War­um? „Weil sie Arbeits­plät­ze schu­fen und einen Bei­trag zum sozia­len Frie­den leis­te­ten. Und weil sie die deut­schen Fach­kräf­te, zu Recht oder zu Unrecht, für die welt­bes­ten hiel­ten. Im Aus­land ent­stan­den Fabri­ken bloß dort, wo die Gege­ben­hei­ten geo­gra­fi­sche Nähe erfor­der­ten. Bei aller Inter­na­tio­na­li­tät wur­den die Unter­neh­mer nicht zu Kos­mo­po­li­ten, sie blie­ben zutiefst deutsch“, unter­streicht Richter.

Preußentum und Kapitalismus

Ent­schei­dend bei­getra­gen zur engen Bin­dung von Unter­neh­men wie BASF, Bay­er, Krupp und der ent­ste­hen­den Auto­in­dus­trie zum eige­nen Vater­land hat der Grün­der­krach von 1873. In die­ser Finanz­kri­se wand­ten sich die Unter­neh­men hil­fe­su­chend an den Staat und voll­zo­gen einen „Abschied vom Lais­sez-fai­re-Libe­ra­lis­mus“. Begüns­tigt wur­den dadurch Groß­be­trie­be, denen durch staat­li­che Auf­trä­ge der Rücken gestärkt wurde.

Wie die spä­te­ren Vor­den­ker der sozia­len Markt­wirt­schaft wie Wil­helm Röp­ke rich­tig erkann­ten, ent­stand in die­ser Zeit eine Syn­the­se aus Preu­ßen­tum und Kapi­ta­lis­mus und nicht – wie Oswald Speng­ler mein­te – aus „Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus“. Obwohl die­ses Modell des preu­ßi­schen Kapi­ta­lis­mus, auf dem die „Deutsch­land AG“ beruh­te, äußerst erfolg­reich war, pran­ger­te Röp­ke den „Kult des Kolos­sa­len“, den „mate­ri­el­len Pro­gres­sis­mus“ und die Vet­tern­wirt­schaft der angeb­lich libe­ra­len Unter­neh­mer mit dem Staat in aller Schär­fe aus­ge­rech­net mit kon­ser­va­ti­ven Argu­men­ten an. Im moder­nen Groß­be­trieb erblick­te Röp­ke „eines der schwers­ten mensch­li­chen und sozia­len Pro­ble­me unse­rer Zivi­li­sa­ti­on“ und kri­ti­sier­te die „Kon­zen­tra­ti­on des deut­schen Bank­we­sens“ als zer­stö­re­risch für „die alte wert­vol­le Tra­di­ti­on der regio­na­len Banken“.

Daß Kon­stan­tin Rich­ter die­se berech­tig­ten Ein­wän­de noch nicht ein­mal streift, zählt zu den klei­ne­ren Män­geln sei­nes Buches. Dabei hat die For­de­rung der Vor­den­ker der sozia­len Markt­wirt­schaft nach Dezen­tra­li­sie­rung über­aus pro­duk­ti­ve Fol­gen gehabt. Als Deutsch­land 1986 zum ers­ten Mal Export­welt­meis­ter wur­de, lag das nicht mehr an den Groß­kon­zer­nen, son­dern vor allem den soge­nann­ten „Hid­den Cham­pi­ons“, den ver­steck­ten Welt­markt­füh­rern aus dem deut­schen Mittelstand.

Die Deutsche Bank und die Selbstachtung des deutschen Volkes

Trotz­dem ist Rich­ter zuzu­stim­men, wenn er Auf­stieg und Fall der „Deutsch­land AG“ mit dem Auf­stieg und Fall der gera­de nicht regio­na­len, son­dern natio­nal aus­ge­rich­te­ten Deut­schen Bank gleich­setzt. Noch SPD-Kanz­ler Hel­mut Schmidt bat die Deut­sche Bank dar­um, Daim­ler vor „grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Per­sern“ zu ret­ten und die eige­ne Betei­li­gung durch Akti­en­käu­fe ent­spre­chend zu erhö­hen. Nur so kön­ne – O‑Ton Schmidt – die „Selbst­ach­tung des deut­schen Vol­kes“ auf­recht­erhal­ten werden.

Unter Her­mann Josef Abs nahm die Deut­sche Bank eine Schlüs­sel­rol­le beim „Wirt­schafts­wun­der“ der Nach­kriegs­jah­re ein. Im Gegen­satz zu sei­nen Nach­fol­gern galt Abs als jemand, der sich „nicht aus­schließ­lich am Gewinn oder gar am Bör­sen­kurs“ ori­en­tier­te, son­dern auch „über­be­trieb­li­che Zie­le gel­ten“ ließ – zum Bei­spiel „das Wohl der Arbeit­neh­mer, das Wohl der Regi­on oder gar das Wohl der gan­zen Nati­on“, urteilt Kon­stan­tin Rich­ter. „Das Geschäfts­mo­dell des Geld­hau­ses, einst gegrün­det, um ein­hei­mi­sche Fir­men im Aus­lands­han­del zu unter­stüt­zen und damit den natio­na­len Wirt­schafts­in­ter­es­sen zu die­nen, beruht auf einer impli­zier­ten Inter­es­sen­kon­gru­enz von Deutsch­land und Deut­scher Bank.“

Hin­zu kam, daß die deut­schen Unter­neh­men der Nach­kriegs­ära die „ame­ri­ka­ni­schen Metho­den der Mas­sen­her­stel­lung“ adap­tier­ten und es ihnen gelang, sie „mit der Tra­di­ti­on deut­schen Hand­werks zu ver­schmel­zen“. Rich­ter kon­sta­tiert, das Wirt­schafts­wun­der beruh­te auf der Fähig­keit, „rei­fe Tech­no­lo­gien, die ihren Ursprung im 19. Jahr­hun­dert hat­ten, wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Deut­sche Che­mie, deut­sche Fahr­zeu­ge, deut­sche Maschi­nen und Anla­gen erwie­sen sich als wett­be­werbs­fä­hig, der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz in vie­ler­lei Hin­sicht über­le­gen“ und waren „das Pro­dukt einer kom­ple­xen Maschi­ne, deren Räd­chen absichts­voll ineinandergriffen“.

Der Grund für den Abstieg: Identitätslosigkeit

In drei Etap­pen ging es dann ab den 1970er-Jah­ren berg­ab mit der Deutsch­land AG. Der ers­te Feh­ler war die „Ver­ein­nah­mung lin­ker Ter­mi­no­lo­gie durch die Wirt­schaft“ im Zuge der 68er-Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. Der zwei­te Feh­ler bestand nach der Deut­schen Ein­heit dar­in, sich von der „Strahl­kraft des ame­ri­ka­ni­schen Modells“ blen­den zu las­sen, statt auf die eige­ne Stär­ke und das eige­ne Modell der deut­schen, sozia­len Markt­wirt­schaft zu vertrauen.

Dar­auf folg­te – Feh­ler Num­mer drei – der Aus­ver­kauf der deut­schen DAX-Kon­zer­ne an aus­län­di­sche Inves­to­ren wie z.B. Black­Rock. „Sie tre­ten öffent­lich wenig in Erschei­nung, sie mischen sich kaum je ins ope­ra­ti­ve Geschäft ein. Aber sie wür­den sich auch nicht – so wie einst ein Alli­anz-Mana­ger – als ‚Finan­cier der deut­schen Wirt­schaft‘ bezeich­nen“, betont Rich­ter. „Mehr als bereit­wil­lig haben die Kon­zer­ne ihre Iden­ti­tät auf­ge­ge­ben – und damit auch die emo­tio­na­le Bin­dung zur Öffent­lich­keit. Sie bie­ten den Lin­ken kei­ne Angriffs­flä­che mehr und den Kon­ser­va­ti­ven kei­ne Identifikationsmöglichkeit.“

Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner. Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG. Ber­lin 2025.