Verein Journalismus und Wissenschaft

Koalieren? Und wenn ja, wie?

Seit Jah­ren schwin­det das Ver­trau­en in die Demo­kra­tie. Beson­ders nied­rig ist das Anse­hen von Par­tei­en (10 %), der Bun­des­re­gie­rung (19 %), des Bun­des­ta­ges (21 %) und der Medi­en (21 %), wäh­rend die kom­mu­na­le Ebe­ne im Ver­gleich dazu deut­lich bes­ser abschneidet.

Immer­hin noch 34 Pro­zent der Deut­schen ver­trau­en der Kom­mu­nal­ver­wal­tung, 35 Pro­zent dem Gemein­de- bzw. Stadt­rat und 38 Pro­zent ihrem Bür­ger­meis­ter, lau­tet das Ergeb­nis einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge der Kör­ber-Stif­tung.[1] Zugleich spre­chen sich bis zu 90 Pro­zent der Bür­ger für direk­te Demo­kra­tie aus.[2]

Obwohl sich die­se Kri­tik der­zeit von Jahr zu Jahr ver­schärft, ist sie nicht neu: Schon vor etwas mehr als 100 Jah­ren stell­te der Staats­recht­ler Carl Schmitt dem Par­la­men­ta­ris­mus ein ver­nich­ten­des Urteil aus. In sei­ner Schrift über Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus von 1923 schrieb Schmitt: „Am wenigs­ten wird es noch den Glau­ben geben, daß aus Zei­tungs­ar­ti­keln, Ver­samm­lungs­re­den und Par­la­ments­de­bat­ten die wah­re und rich­ti­ge Gesetz­ge­bung und Poli­tik ent­ste­he. Das ist aber der Glau­be an das Par­la­ment selbst. Sind Öffent­lich­keit und Dis­kus­si­on in der tat­säch­li­chen Wirk­lich­keit des par­la­men­ta­ri­schen Betrie­bes zu einer lee­ren und nich­ti­gen For­ma­li­tät gewor­den, so hat auch das Par­la­ment, wie es sich im 19. Jahr­hun­dert ent­wi­ckelt hat, sei­ne bis­he­ri­ge Grund­la­ge und sei­nen Sinn ver­lo­ren.“[3]

Her­vor­ge­gan­gen sei­en die Par­la­men­te aus dem „Kampf gegen die Geheim­po­li­tik abso­lu­ter Fürs­ten“. Sobald jedoch die Abge­ord­ne­ten selbst nur noch hin­ter ver­schlos­se­nen Türen Kom­pro­mis­se aus­han­deln, dege­ne­rie­ren die Par­la­men­te „zu einer Fas­sa­de“[4], so Schmitt, der damit den bis heu­te häu­fig zu hören­den Vor­wurf vor­weg­nahm, in der Fas­sa­den­de­mo­kra­tie wür­de im Ple­num ledig­lich ein vor­her ein­stu­dier­tes Thea­ter­stück aufgeführt.

Die geplan­te Cho­reo­gra­phie ist frei­lich nur mög­lich, wenn alle Schau­spie­ler die ihnen zuge­dach­te Rol­le anneh­men und aus­füh­ren. Durch Spiel­ver­der­ber, die ihrem Gewis­sen fol­gen oder nach inhalt­li­chen Aspek­ten abstim­men, kann das Par­la­ment jedoch jeder­zeit eine Frisch­zel­len­kur erle­ben. Die­sen Son­der­fall hat­te Carl Schmitt auch bedacht. Er wies auf das Dilem­ma eines radi­ka­len Demo­kra­ten hin, der die Demo­kra­tie bedroht sieht. Die­ser radi­ka­le Demo­krat müs­se sich nun ent­schei­den, „auch gegen die Mehr­heit Demo­krat zu blei­ben oder aber sich selbst auf­zu­ge­ben“.[5]

Erziehungsdiktatur?

Es gebe aus die­ser ver­fah­re­nen Situa­ti­on nur einen Aus­weg, pro­gnos­ti­zier­te Schmitt: „Dann ent­wi­ckelt sich jenes alte Pro­gramm der Volks­er­zie­hung: das Volk kann durch rich­ti­ge Erzie­hung dahin gebracht wer­den, daß es sei­nen eige­nen Wil­len rich­tig erkennt, rich­tig bil­det und rich­tig äußert.“[6] Kann dann aber noch von einer Demo­kra­tie gespro­chen wer­den, die ja schließ­lich die freie Mei­nungs­bil­dung als Vor­aus­set­zung hat?

Noch ein­mal Schmitt: „Die Kon­se­quenz die­ser Erzie­hungs­leh­re ist die Dik­ta­tur, die Sus­pen­die­rung der Demo­kra­tie im Namen der wah­ren, erst noch zu schaf­fen­den Demo­kra­tie.“ Die Par­al­le­len zur Gegen­wart dürf­ten nicht nur Rech­te, die Schmitt ideo­lo­gisch nahe­ste­hen, aner­ken­nen. Gera­de Lin­ke sind es, die vor einem neu­en 1933 war­nen und des­halb die AfD ver­bie­ten möch­ten, ehe es – ihrer Ansicht nach – zu spät ist, weil dann die angeb­li­chen Demo­kra­tie­fein­de in der Mehr­heit sind. Unfrei­wil­lig geben sie dabei aber zu, selbst nur bis zu einem bestimm­ten Punkt Demo­kra­ten zu sein. Bedroht die Demo­kra­tie hin­ge­gen ihre kul­tu­rel­le Hege­mo­nie, dann wün­schen sich Lin­ke ganz im Sin­ne Carl Schmitts die Aus­ru­fung des „Aus­nah­me­zu­stan­des“, um die Rechts­ord­nung vor­über­ge­hend zu suspendieren.

Warum die Brandmauer vor allem der Union schadet …

Chris­ti­an Ste­cker, seit 2021 Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der TU Darm­stadt, kommt das Ver­dienst zu, eine Alter­na­ti­ve zur Aus­gren­zung der Kon­kur­renz skiz­ziert zu haben. Sei­ne 2026 ver­öf­fent­lich­te Arbeit trägt den Titel Ohne Koali­ti­ons­kor­sett und Brand­mau­ern. Wie fle­xi­ble Mehr­hei­ten die Demo­kra­tie stär­ken. Auf den ers­ten Blick könn­te man dahin­ter ein Plä­doy­er für die Nor­ma­li­sie­rung der AfD ver­mu­ten. Das ist es auch. Den­noch zielt Ste­cker eigent­lich in eine ande­re Rich­tung. Er will den Mit­te-Par­tei­en CDU/CSU und SPD nach­wei­sen, daß sie gro­ße Tei­le ihres ursprüng­li­chen Pro­gramms umset­zen könn­ten, wenn sie den sich selbst ohne Not auf­er­leg­ten Koali­ti­ons­zwang auf­lö­sen. Wäh­rend die Koali­ti­ons­de­mo­kra­tie zu fau­len Kom­pro­mis­sen führt und die Regie­rungs­par­tei­en des­halb seit 1990 fast immer vom Wäh­ler abge­straft wer­den, sei eine „The­men-Demo­kra­tie“ unter Ein­bin­dung der Oppo­si­ti­on anzu­stre­ben, argu­men­tiert Ste­cker.[7]

Er hat die Wahl­pro­gram­me der im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en über­ein­an­der­ge­legt. Dar­aus ergibt sich dann: „Unter fle­xi­blen Mehr­hei­ten ohne wei­te­re Auf­la­gen könn­te die Uni­on 84 Pro­zent ihrer The­men kom­pro­miss­frei umset­zen – sie wäre Teil aller ver­füg­ba­ren Mehr­hei­ten.“[8] Hält sie sich hin­ge­gen an den Koali­ti­ons­zwang und die selbst errich­te­te Brand­mau­er, kann sie nur 39 Pro­zent ihrer The­men durchbringen.

Selbst die­se 39 Pro­zent sind nur ein theo­re­ti­scher Wert, weil es in Koali­tio­nen drei ide­al­ty­pi­sche Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten gibt. Die Regie­rungs­par­tei­en kön­nen ers­tens einen Tausch­han­del ver­ab­re­den. Dann dürf­te die Uni­on ihre The­men durch­set­zen und die SPD dafür ande­re. Zwei­tens ist die Eini­gung auf ein „koali­ti­ons­in­ter­nes Veto“ denk­bar. Das führt zur gegen­sei­ti­gen Blo­cka­de und einer Poli­tik der „Nicht-Ent­schei­dung“ vie­ler drän­gen­der Fra­gen. Die drit­te Vari­an­te ist der „Koali­ti­ons­kom­pro­miss“, bei dem sich die regie­ren­den Par­tei­en in der Mit­te tref­fen und damit nie­mand sein ursprüng­li­ches Wahl­pro­gramm umset­zen kann.[9]

Beim Tausch­han­del kommt es dazu, daß eine Min­der­hei­ten­po­si­ti­on gegen die Mehr­heits­mei­nung des Par­la­ments durch­ge­setzt wird. Beim Veto stellt sich Still­stand ein. Wie Umfra­gen gezeigt haben, sind das in der Wahr­neh­mung der Bür­ger gegen­über dem Kom­pro­miss aller­dings immer noch die klei­ne­ren Übel. „Kom­pro­mis­se erzeu­gen den Ein­druck pro­gram­ma­ti­scher Pro­fil­lo­sig­keit und feh­len­der Respon­si­vi­tät“, so Ste­cker. „Fol­ge­rich­tig sinkt auch der Wäh­ler­zu­spruch je kom­pro­miss­ori­en­tier­ter Regie­rungs­par­tei­en wahr­ge­nom­men wer­den und je weni­ger ihrer Wahl­ver­spre­chen sie umset­zen kön­nen.“[10] Man kann die Kos­ten einer kom­pro­miss­ori­en­tier­ten Regie­rungs­be­tei­li­gung sogar bezif­fern. Im Durch­schnitt büßen die Par­tei­en dadurch bei der nächs­ten Wahl vier Pro­zent ein. Juni­or-Part­ner müs­sen noch ein­mal mit einem „Extra-Abschlag“[11] rechnen.

Der Koali­ti­ons­zwang ist übri­gens kein Resul­tat der Rechts­ord­nung. Wie die Par­tei­en im Bun­des­tag zusam­men­ar­bei­ten oder auch nicht, kön­nen sie selb­stän­dig ent­schei­den. Das Grund­ge­setz macht dazu kei­ne Vor­schrif­ten. Es fin­det sich dar­in noch nicht ein­mal der Begriff „Oppo­si­ti­on“. Dar­auf weist auch Ste­cker hin. Was er hin­ge­gen unter­schlägt, ist die Tat­sa­che, daß in meh­re­ren Lan­des­ver­fas­sun­gen sehr wohl von der „Oppo­si­ti­on“ die Rede ist. Das betrifft zum Bei­spiel die Ver­fas­sun­gen der Län­der Bran­den­burg und Sach­sen. In bei­den Län­dern wird die „Chan­cen­gleich­heit“ der Oppo­si­ti­on her­vor­ge­ho­ben. Laut der säch­si­schen Ver­fas­sung soll die­se Chan­cen­gleich­heit nicht nur im Par­la­ment, son­dern sogar in der „Öffent­lich­keit“ gewähr­leis­tet wer­den.[12] Wie das der Staat im Zwei­fels­fall durch­set­zen will, da die meis­ten Medi­en pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­siert sind, bleibt frei­lich sein Geheim­nis. Der Staat schafft es ja noch nicht ein­mal, alle Oppo­si­ti­ons­par­tei­en bei öffent­li­chen Dis­kus­si­ons­run­den, z.B. in staat­lich finan­zier­ten Biblio­the­ken, gemäß ihrem Stim­men­an­teil zu Wort kom­men zu las­sen. Bran­den­burg regelt dar­über hin­aus, daß ein Vize­prä­si­dent des Land­tags der Oppo­si­ti­on ange­hö­ren soll.[13]

Einverständnis zum Fremdgehen

Die strik­te Tren­nung zwi­schen den regie­rungs­tra­gen­den Frak­tio­nen und der Oppo­si­ti­on bis hin zum Ver­bot gegen­sei­ti­ger Zusam­men­ar­beit in Form von Brand­mau­ern erklärt Ste­cker mit einer Pfad­ab­hän­gig­keit – also tief ver­an­ker­ten Gewohn­hei­ten, die irgend­wann nicht mehr in Fra­ge gestellt wer­den. 1961 schrie­ben Uni­on und FDP in ihrem neun­sei­ti­gen Koali­ti­ons­ver­trag fest, „daß die Frak­tio­nen (…) nicht mit wech­seln­den Mehr­hei­ten abstim­men“.[14] Die­se Ein­schrän­kung fin­det sich seit­her in jedem Koali­ti­ons­ver­trag, wäh­rend es in ande­ren Staa­ten soge­nann­te „agree to disagree“-Klauseln gibt.

In Däne­mark tref­fen ein­zel­ne Par­tei­en – unab­hän­gig von der Zuge­hö­rig­keit zur Regie­rung – „lang­fris­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen“, um ihre For­de­run­gen in bestimm­ten The­men­fel­dern über ein­zel­ne Legis­la­tur­pe­ri­oden hin­aus durch­zu­set­zen und die Mehr­hei­ten dafür – unab­hän­gig vom nächs­ten Wahl­er­geb­nis – abzu­si­chern. Die­se „Gesetz­ge­bungs­ko­ali­ti­ons­ver­trä­ge“ wer­den „for­ligs“ genannt. In Schwe­den und Neu­see­land gibt es ähn­li­che, funk­tio­nie­ren­de Kon­zep­te, die sich als taug­lich erwie­sen haben.[15]

Im 18. Deut­schen Bun­des­tag von 2013 bis 2017 erreich­ten CDU/CSU ins­ge­samt 311 von 631 Sit­ze. SPD, Lin­ke und Grü­ne kamen zusam­men auf 320 Sit­ze. Da sich die SPD dem Koali­ti­ons­zwang mit der Uni­on unter­warf, konn­te sie ihre lin­ke Mehr­heit jedoch nicht nut­zen. In einer „The­men-Demo­kra­tie“ hät­te sie die­se Mög­lich­keit gehabt. SPD, Grü­ne und Lin­ke hät­ten Kli­ma­ge­set­ze ver­schär­fen kön­nen und sozia­le Geschen­ke gegen den Wil­len der Uni­on ver­tei­len kön­nen. Der Wäh­ler wie­der­um hät­te die Ver­ant­wor­tung für womög­lich nega­ti­ve Fol­gen die­ser Initia­ti­ven dann auch den lin­ken Par­tei­en zuord­nen können.

In einer kom­pro­miss­ori­en­tier­ten Koali­ti­ons­de­mo­kra­tie indes lau­fen die Kämp­fe hin­ter den Kulis­sen ab. Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel wuß­te natür­lich, daß die SPD mit den ande­ren lin­ken Par­tei­en hät­te pak­tie­ren kön­nen. In einer sol­chen Situa­ti­on ist es – rein macht­stra­te­gisch betrach­tet – nach­voll­zieh­bar, auf eine asym­me­tri­sche Demo­bi­li­sie­rung zu set­zen. Beson­ders in den Jah­ren 2013 bis 2017 hat Mer­kel im vor­aus­ei­len­den Gehor­sam eine lin­ke Poli­tik umge­setzt und Deutsch­land damit nach­hal­tig gescha­det. In die­se Zeit fällt sowohl die Grenz­öff­nung von 2015 als auch – um nur ein Bei­spiel zu nen­nen – die groß­zü­gi­ge Sub­ven­tio­nie­rung von Elek­tro-Fahr­zeu­gen über das Elek­tro­mo­bi­li­täts­ge­setz von 2015, den Umwelt­bo­nus von 2016 und das Lade­infra­struk­tur­ge­setz von 2017.

In der 21. Wahl­pe­ri­ode von 2025 bis vor­aus­sicht­lich 2029 haben sich die Macht­ver­hält­nis­se nun umge­kehrt. Uni­on und AfD ver­fü­gen über eine sat­te Mehr­heit. Damit könn­ten sie inhalt­li­che Posi­tio­nen umset­zen, die bei­de in ihren Wahl­pro­gram­men ver­spro­chen haben. Sowohl die Uni­on als auch die AfD haben zum Bei­spiel den Wie­der­ein­stieg in die Kern­ener­gie in Aus­sicht gestellt. Bei­de haben eben­so die Zurück­wei­sung ille­ga­ler Migran­ten und die Abschaf­fung des Hei­zungs­ge­set­zes aus der Feder von Robert Habeck (Grü­ne) versprochen.

Eine gemein­sa­me Abstim­mung in die­sen Punk­ten muß aber noch lan­ge nicht zu einer Koali­ti­on füh­ren. Die the­men­spe­zi­fi­sche Zusam­men­ar­beit böte der Uni­on zudem jeder­zeit die Mög­lich­keit, als radi­kal emp­fun­de­ne For­de­run­gen der AfD nicht zu erfül­len und in die­sen The­men­fel­dern lie­ber mit der SPD eine Ver­stän­di­gung zu suchen. Die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne fie­le in die­sen Bereich.

Ein Par­la­ment, das sich der Gewohn­heit des Koali­ti­ons­zwangs frei­wil­lig unter­wirft, beraubt sich selbst sei­ner ursprüng­li­chen Auf­ga­be und degra­diert den par­la­men­ta­ri­schen Betrieb zu einer „lee­ren und nich­ti­gen For­ma­li­tät“[16]. Es kommt in einem sol­chen Par­la­ment zu einer „Gewal­ten­fu­si­on“[17] zwi­schen Legis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve. Eine The­men-Demo­kra­tie führt im Gegen­satz dazu zu einer Stär­kung der „Gewal­ten­tei­lungs­idee“[18] und könn­te die von Carl Schmitt for­mu­lier­ten Vor­wür­fe entkräften.

Solan­ge die AfD in der Oppo­si­ti­on ist, wür­de sie von einer The­men-Demo­kra­tie pro­fi­tie­ren. Sie könn­te dann 58 Pro­zent ihres Pro­gramms umset­zen.[19] Daher ist es nach­voll­zieh­bar, wenn sie immer und immer wie­der dar­auf auf­merk­sam macht, daß ein Poli­tik­wech­sel mit ihr und der Uni­on sofort mög­lich wäre. Sobald die AfD jedoch in die Regie­rung kommt, kann sie in einer The­men-Demo­kra­tie auf­grund ihrer Posi­tio­nie­rung im Par­tei­en­spek­trum nur ver­lie­ren – es sei denn, es kann sich irgend­wann eine Par­tei rechts von ihr etablieren.

Keine Kompromisse!

Im Fal­le einer Regie­rungs­be­tei­li­gung ohne abso­lu­te Mehr­heit wäre die AfD gut bera­ten, auf den Tausch­han­del mit einem mög­lichst klei­nen Part­ner zu set­zen und unter allen Umstän­den das Kom­pro­miss-Modell zu mei­den. Das heißt: Zur Vor­be­rei­tung auf die­ses Sze­na­rio in der nahen oder fer­nen Zukunft muß die AfD unver­han­del­ba­re Kern­the­men iden­ti­fi­zie­ren und ver­bind­lich defi­nie­ren. Las­sen sich die­se Kern­the­men bei Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen nicht durch­set­zen, ist es bes­ser, die Regie­rungs­bil­dung schei­tern zu las­sen, wie das FPÖ-Chef Her­bert Kickl im Win­ter 2025 im Umgang mit der ÖVP vor­ge­macht hat. Die ÖVP hat­te in den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen dar­auf beharrt, die wich­tigs­ten Res­sorts (Äuße­res, Inne­res, Finan­zen, Wirt­schaft, Land­wirt­schaft, Ver­tei­di­gung) zu beset­zen. Die FPÖ erwi­der­te, daß ihre „Kern­kom­pe­tenz“ bei „Sicher­heit, Asyl und Migra­ti­on“ lie­ge. Das Innen­mi­nis­te­ri­um müs­se des­halb an den Wahl­sie­ger FPÖ gehen.[20] Die­se Dreis­tig­keit der ÖVP zeigt, wel­che Her­aus­for­de­rung auch beim Tausch­han­del in the­ma­ti­scher Hin­sicht besteht. Der Tausch­han­del muß so prä­zi­se wie mög­lich das in der Wahl errun­ge­ne Kräf­te­ver­hält­nis der Koali­ti­ons­part­ner eins zu eins abbilden.

Neben­bei bemerkt: Auch die abso­lu­te Mehr­heit ist nicht ohne Tücken. Eine knap­pe abso­lu­te Mehr­heit mit ledig­lich zwei oder drei Man­da­ten mehr als die Oppo­si­ti­on dürf­te inner­par­tei­li­che Que­re­len anhei­zen, weil dann ein­zel­ne Abge­ord­ne­te ihre Veto­macht aus­spie­len können.

Für CDU/CSU und SPD ist die Aus­gangs­la­ge indes ein­fa­cher: Aktu­ell wer­den sie als ver­ant­wort­li­che Alt­par­tei­en mit einem sich im Nie­der­gang befind­li­chen poli­ti­schen Sys­tem und Land wahr­ge­nom­men. Statt in die­ser Situa­ti­on unbe­irrt an alten Gewohn­hei­ten fest­zu­hal­ten, könn­ten sie – wie von Chris­ti­an Ste­cker vor­ge­schla­gen – mit der „The­men-Demo­kra­tie“ einen Befrei­ungs­schlag wagen, bei dem sie tak­tisch als Mit­te-Par­tei­en von Anfang an im Vor­teil wären. Man kann so weit gehen zu sagen, daß CDU und CSU dem Schick­sal der geschei­ter­ten ita­lie­ni­schen Christ­de­mo­kra­tie nur ent­kom­men kön­nen und in Zukunft eine Über­le­bens­chan­ce haben, wenn sie auf fle­xi­ble Mehr­hei­ten set­zen. Sie könn­ten dann situa­tiv zwi­schen lin­ken und rech­ten Part­nern wech­seln, um ein Maxi­mum an The­men durch­zu­set­zen und die Radi­kal­for­de­run­gen[21] bzw. Uto­pien der Rän­der zu ent­zau­bern. Auch in der Oppo­si­ti­on soll­te sich die Uni­on aus Eigen­in­ter­es­se für eine The­men-Demo­kra­tie stark machen. Unab­hän­gig davon, ob es eine rech­te Regie­rung (AfD) oder eine lin­ke Regie­rung (SPD, Grü­ne oder Lin­ke) gibt, wird die Uni­on immer am ehes­ten zur Mehr­heits­be­schaf­fung gebraucht. Für die SPD gilt ähn­li­ches: Aus stra­te­gi­schen Grün­den muß sie der CDU damit dro­hen, auch Rot-Rot-Grün ver­wirk­li­chen zu können.

Gene­rell läßt sich sagen, daß sich Par­tei­en trotz all die­ser Erwä­gun­gen einen Rest an Unbe­re­chen­bar­keit bewah­ren soll­ten. Ein Elf­me­ter-Schüt­ze, der beson­ders prä­zi­se in die rech­te unte­re Ecke des Tores schie­ßen kann, soll­te den­noch gele­gent­lich nach links schie­ßen, weil sich sonst die Tor­hü­ter von Vorn­her­ein anders auf der Tor­li­nie posi­tio­nie­ren wer­den und wis­sen, in wel­che Rich­tung sie sprin­gen müs­sen. Der Elf­me­ter-Schüt­ze muß sich also den Zufall zunut­ze machen, damit sein Gegen­über – der Tor­hü­ter – kein sys­te­ma­ti­sches Ver­hal­ten anti­zi­pie­ren kann. In der Spiel­theo­rie wur­de aus Kon­stel­la­tio­nen wie die­sen das soge­nann­te Min-Max-Theo­rem abgeleitet.

[1] https://koerber-stiftung.de/site/assets/files/48723/grafiken_demokratie_in_der_krise_2025.pdf

[2] https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/direkte-demokratie-buergerrat-frieden-diplomatie-mdrfragt-ergebnis-100.html

[3] Carl Schmitt: Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus. Ber­lin 2010, S. 63

[4] Ebd., S. 62

[5] Ebd., S. 37

[6] Ebd.

[7] Vgl. Chris­ti­an Ste­cker: Ohne Koali­ti­ons­kor­sett und Brand­mau­ern. Wie fle­xi­ble Mehr­hei­ten die Demo­kra­tie stär­ken. Wein­heim 2026

[8] Ebd., S. 99

[9] Vgl. ebd., S. 45

[10] S. 77

[11] Ebd., S. 60

[12] Arti­kel 40 der Säch­si­schen Ver­fas­sung: https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/3975-Verfassung#a40

[13] Arti­kel 69 der Ver­fas­sung des Lan­des Bran­den­burg: https://bravors.brandenburg.de/de/gesetze-212792

[14] Ste­cker 2026. S. 144

[15] Ebd., S. 124ff

[16] Zur Erin­ne­rung: Carl Schmitt

[17] Ebd., S. 70

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 99

[20] https://www.fpoe.at/medien/pressemeldungen/artikel/warum-die-koalitionsverhandlungen-mit-der-oevp-gescheitert-sind

[21] Ohne eige­ne Wer­tung die­ser Vor­schlä­ge. Es geht um die Sicht von CDU und CSU.