Verein Journalismus und Wissenschaft

Kein Artenschutz für Wendehälse?

Ulf Pos­ch­ardt ist ein Oppor­tu­nist. Der ehe­ma­li­ge Her­aus­ge­ber und nun „frei­es­te Mit­ar­bei­ter“ der WELT ist sogar ein ganz beson­ders gro­ßer Oppor­tu­nist. Im Gegen­satz zu den nor­ma­len Oppor­tu­nis­ten, die bis zum bit­te­ren Ende die alten Befeh­le aus­füh­ren, spielt sich Pos­ch­ardt als Seis­mo­graph der neu­en Zeit auf. Doch ehe wir jetzt gleich wie­der die Trans­pa­ren­te mit der Auf­schrift „Kein Arten­schutz für Wen­de­häl­se“ her­aus­ho­len, wol­len wir uns anhö­ren, was abge­ho­be­ne Oppor­tu­nis­ten wie Pos­ch­ardt über die stink­nor­ma­len Oppor­tu­nis­ten in den Behör­den, Schu­len und Schreib­stu­ben der Repu­blik zu sagen haben.

Pos­ch­ardt hat ein Buch über das „Bück­bür­ger­tum“ geschrie­ben. Der Begriff ist gut. Die Bück­bür­ger der Bun­des­re­pu­blik haben jeden Kul­tur­kampf ver­mie­den. Sie haben es sich bie­der­mei­er­lich ein­ge­rich­tet. Ihr Wohl­stand bedeu­tet: Eigen­heim, ein Kind, ein Hund, aber zwei Autos und regel­mä­ßig eine Kreuz­fahrt trotz öko­lo­gi­scher Beden­ken, die im eben­so ange­paßt leben­den Freun­des­kreis bei einem Glas Rot­wein geäu­ßert werden.

Die­se Bück­bür­ger haben dem Nach­kriegs­deutsch­land Frie­den gebracht, aber auch Läh­mung, führt Pos­ch­ardt kor­rekt über die „skep­ti­sche Gene­ra­ti­on“ (Hel­mut Schelsky) aus, die sich schließ­lich bei der erst­bes­ten Gele­gen­heit über­rol­len ließ. Als mit den 68ern lin­ke Fana­ti­ker – Pos­ch­ardt nennt sie „Shit­bür­ger“ – kamen, erga­ben sich die Bück­bür­ger in vor­aus­ei­len­dem Gehorsam.

Vor die Wahl zwi­schen Hei­mat­film und avant­gar­dis­ti­schem „radi­cal chic“ gestellt, hät­te ein selbst­be­wuß­tes Bür­ger­tum begrei­fen müs­sen, daß es selbst etwas lie­fern muß – also eine zeit­ge­mä­ße deut­sche oder euro­päi­sche Kul­tur, die nicht auf Zer­stö­rung hin­aus­läuft. Die Bück­bür­ger hin­ge­gen – auch hier ist Pos­ch­ardt zuzu­stim­men –, ent­schie­den sich für „des Kai­sers neue Kleider“.

Die Lis­te der meta­po­li­ti­schen Nie­der­la­gen der Libe­ra­len und Pseu­do­kon­ser­va­ti­ven seit­dem ist lang. Die aus­ge­ru­fe­ne geis­tig-mora­li­sche Wen­de blieb natür­lich aus. Und dann kamen irgend­wann Ange­la Mer­kel und Fried­rich Merz, die dem gan­zen Ver­sa­gen die Kro­ne auf­setz­ten. „Mer­kel, die den Ver­rat an den eige­nen welt­an­schau­li­chen Fun­da­men­ten wil­lent­lich voll­zog, und Merz, der den­sel­ben Ver­rat aus Schwä­che beging – aus man­geln­der Befä­hi­gung, die Ver­ant­wor­tung eines Kanz­lers zu tra­gen“, betont Pos­ch­ardt. Indes über­schätz­te das Bück­bür­ger­tum „die Sta­bi­li­tät der Volks­wirt­schaft und unter­schätz­te die Dyna­mik sowie den Inno­va­ti­ons­druck der glo­ba­li­sier­ten Märk­te“. Da Krea­ti­vi­tät zu den knapps­ten Res­sour­cen die­ser Mit­tel­schicht zählt, fal­le ihr nun nur noch „more of the same“ ein. Statt nach einem neu­en Weg Aus­schau zu hal­ten, geht es also immer wei­ter rein in die Sack­gas­se des wirt­schaft­li­chen Niedergangs.

Das ist lei­der noch nicht alles. „Bück­mi­gran­ten“ nut­zen die Furcht der Deut­schen, als into­le­ran­te Ras­sis­ten und Nazis abge­stem­pelt zu wer­den, gna­den­los aus. Erst ler­nen sie die „Spra­che der Moral“, dann über­neh­men sie die Macht, pro­gnos­ti­ziert Pos­ch­ardt. „Denn wo Selbst­hass herrscht, ist Herr­schaft leicht.“ Ent­schei­dend dabei sei jedoch nicht die „mora­li­sche Rhe­to­rik“, son­dern die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung. „Das Stadt­bild, das Kanz­ler Merz noch zu ver­tei­di­gen such­te, wird sich ändern – nicht durch Debat­ten, son­dern durch Geburten.“

Was folgt nun dar­aus? Pos­ch­ardt hat dazu nur einen Satz am Ende sei­ner fast 350 Sei­ten zu bie­ten: „Freie Bür­ger“ müß­ten den Kampf „gegen einen auto­ri­tä­ren Staat“ auf­neh­men. Bit­te was? Woher soll die­ser Mut kom­men? Der Sozio­lo­ge Wolf­gang Sof­sky war da schon vor 20 Jah­ren einen gewal­ti­gen Schritt wei­ter. In der post­mo­der­nen Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft bil­den sich zwar alle ein, die rich­ti­gen Fak­ten per Maus­klick zu fin­den. Die selbst­ver­schul­de­te Unmün­dig­keit ist aller­dings kein Wis­sens­de­fi­zit. Sie ist eine Cha­rak­ter­fra­ge. Des­halb zeigt sich Sof­sky pessimistisch:

Demo­kra­tien kön­nen die Feig­heit unmög­lich ein­däm­men. Sie begüns­ti­gen die Anpas­sung an die Mehr­heit. Die­je­ni­ge poli­ti­sche Frak­ti­on hat auf Dau­er Erfolg, die dem Vol­ke nach dem Mun­de redet. Zwar erspa­ren Demo­kra­tien gro­ße Hel­den­ta­ten des Wider­stands. Aber die Herr­schaft der Mehr­zahl för­dert Pas­si­vi­tät und Klein­mut. Die Risi­ken des Streits sind nur Sache weni­ger. Unpo­pu­lä­re Argu­men­te kos­ten Geld, Kar­rie­re und Anse­hen. Zwar rekla­miert jeder für sich Ori­gi­na­li­tät und Ver­läss­lich­keit. Doch wenn es zur Ent­schei­dung kommt, flüch­tet die Mehr­heit in den Hort umfas­sen­der Alli­an­zen, in die Gemein­schaft der Demo­kra­ten, der Recht­gläu­bi­gen und Wohl­ge­son­ne­nen, in die gro­ße Koali­ti­on aller Mut­lo­sen, die, anstatt die Übel an der Wur­zel zu packen, gemein­sam die bäng­li­che Lita­nei anstim­men vom Nie­der­gang der Tugend.“

Feig­heit und Fana­tis­mus sind zwei Sei­ten einer Medail­le. Bei­de Eigen­schaf­ten beru­hen auf dem Her­den­trieb. Sich mit der Mas­sen­psy­cho­lo­gie von Gust­ave Le Bon oder José Orte­ga y Gas­set zu befas­sen, hat Ulf Pos­ch­ardt indes unter­las­sen. Daß sich der Mensch in Groß­grup­pen anders ver­hält als in Klein­grup­pen oder ver­ein­zelt als Indi­vi­du­um, wol­len Libe­ra­le bis heu­te nicht begreifen.

Man kann sich der Feig­heit jedoch auch ratio­nal nähern: Sie ist eine Form der Risi­ko-Mini­mie­rung. Sobald die Wahr­schein­lich­keit höher ist, einen Kampf zu ver­lie­ren als ihn zu gewin­nen, ist Flucht die bes­te Opti­on. Das hat weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen: Eine Erstar­rung der auf Inno­va­tio­nen ange­wie­se­nen Wirt­schaft läßt sich nur ver­mei­den, wenn sich Men­schen dazu moti­vie­ren las­sen, kal­ku­lier­ba­re Risi­ken ein­zu­ge­hen. Sie müs­sen dazu ihre eige­ne Natur über­win­den und ihr „angst­mo­ti­vier­tes Bedürf­nis nach Sicher­heit“[1] zurück­stel­len, wie es der Ver­hal­tens­for­scher Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt aus­ge­drückt hat. Die pro­pa­gan­dis­ti­schen Erfol­ge des roten, brau­nen und grü­nen Sozia­lis­mus haben genau hier ihre tie­fe­re, emo­tio­na­le Ursa­che. Der Appell an Sicher­heit ist und bleibt ein poli­ti­sches Erfolgs­re­zept in jeder Lage.

Wie die FDP in ihren Regie­rungs­zei­ten zur Genü­ge unter Beweis gestellt hat, schei­tern libe­ra­le Refor­men wie Steu­er­sen­kun­gen aber nicht nur an die­sem Hang des Wahl­vol­kes zur Sicher­heit. Gera­de die Libe­ra­len selbst nei­gen zur ratio­nal nach­voll­zieh­ba­ren Feig­heit der Risi­ko-Mini­mie­rung. Im kon­kre­ten Fall kann man sich das eige­ne Zurück­wei­chen immer als Ver­nunft schön­re­den, um zum Bei­spiel den Koali­ti­ons­frie­den zu wah­ren. Der ehe­ma­li­ge säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Kurt Bie­den­kopf (CDU) sprach des­halb davon, daß Sys­te­me, „in denen die ein­zi­ge for­ma­le Qua­li­fi­ka­ti­on auch für höchs­te Ämter dar­in besteht, mehr­heits­fä­hig zu sein, (…) eine ein­ge­bau­te Ten­denz zur Mit­tel­mä­ßig­keit“ haben.[2]

Selbst in ver­hält­nis­mä­ßig klei­nen Grup­pen soll­te man sich kei­ner Illu­sio­nen hin­ge­ben. „Altru­is­mus ver­ur­sacht Kos­ten, und die müs­sen sich loh­nen“, so Eibl-Eibes­feldt.[3] In der Regel sei nur bei „nahen Ver­wand­ten“ eine posi­ti­ve Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung zu erwar­ten. Das heißt: Staats­die­ner und das gesam­te Bück­bür­ger­tum dürf­ten weder aus Eigen­nutz noch auf­grund eines womög­lich ent­ste­hen­den patrio­ti­schen Gemein­schafts­ge­fühls in die Gän­ge kommen.

Soll­te Pos­ch­ardt glau­ben, der Bück­bür­ger lie­ße sich zum „Fight­bür­ger“ umschu­len oder wei­ter­bil­den las­sen, so wür­de er genau­so wie alle Sozia­lis­ten vom „Neu­en Men­schen“ träu­men. Ech­te Kon­ser­va­ti­ve hin­ge­gen haben ein rea­lis­ti­sches Men­schen­bild. Der Mensch ist nun ein­mal, ob wir das wol­len oder nicht, aus „krum­mem Hol­ze“ (Imma­nu­el Kant) gemacht.

Die Mehr­heit besteht folg­lich immer aus Ja-Sagern, Feig­lin­gen, Oppor­tu­nis­ten und Wen­de­häl­sen. Das ist nicht abwer­tend, son­dern rein beschrei­bend gemeint. Die­se Tat­sa­che hat sogar vie­le posi­ti­ve Sei­ten: Jede Gesell­schaft braucht den natür­li­chen Oppor­tu­nis­mus der Mit­läu­fer und ihren uner­schüt­ter­li­chen Fleiß, damit Schu­len, Groß­un­ter­neh­men und Behör­den auch nach einem Regie­rungs­wech­sel oder einem Kip­pen der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie rei­bungs­los wei­ter funk­tio­nie­ren. Die Anpas­sung der Mas­se an die neu­en Ver­hält­nis­se gibt unse­rer Gesell­schaft die nöti­ge Grund­sta­bi­li­tät, um die Eli­te aus­tau­schen zu können.

Wie soll­te eine auf­stre­ben­de poli­ti­sche Bewe­gung also mit Oppor­tu­nis­ten und Wen­de­häl­sen umge­hen? In einem Wort: gelas­sen! Etwas aus­führ­li­cher: Gelas­sen, mil­de und selbst­be­wußt. Mil­de gegen­über jenen, die beim alten Sys­tem ein­fach nur mit­ge­macht haben, ist ein not­wen­di­ger Teil der Real­po­li­tik. Die im bes­ten Fall gut aus­ge­bil­de­te Gegen-Eli­te wird nicht aus­rei­chen, um einen Staat allein zu füh­ren. Das ist frei­lich Zukunftsmusik.

Eine Gefahr besteht dann näm­lich doch: Auf­stre­ben­de poli­ti­sche Bewe­gun­gen soll­ten die Oppor­tu­nis­ten und Wen­de­häl­se des alten Sys­tems nie­mals zu früh inte­grie­ren, sie nie­mals direkt auf die Kom­man­do­brü­cke beför­dern, nur weil sie Herr­schafts­wis­sen besit­zen, und ihnen nie­mals Bei­fall für ver­spä­te­te Ein­sich­ten spenden.

(Por­trait Ulf Pos­ch­ardt von: Mar­le­ne Gawirsch, Westend-Verlag)

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[1] Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt: Der Mensch. Das ris­kier­te Wesen. München/Zürich 1991. S. 40

[2] Zit. nach ebd., S. 169

[3] Ebd., S. 25