Verein Journalismus und Wissenschaft

Was Deutschland nach der Deutschen Einheit falsch machte …

Mit­te der 1980er-Jah­re wur­de Deutsch­land erst­mals Export­welt­meis­ter. Die Deutsch­land AG befand sich auf dem Zenit ihrer öko­no­mi­schen Macht. Wie es dazu kam und wie­so sich trotz­dem schon Anzei­chen eines bal­di­gen Nie­der­gangs zeig­ten, läßt sich bei Kon­stan­tin Rich­ter (Drei­hun­dert Män­ner, 2025) nachlesen.

Hart­mut Berg­hoff, Direk­tor des Insti­tuts für Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen, lie­fert nun mit sei­nem Buch über den Trü­ge­ri­schen Wohl­stand der Nach­wen­de­jah­re qua­si den Fort­set­zungs­ro­man. Er schil­dert die bis­her kaum bekann­ten, haar­sträu­ben­den Kon­struk­ti­ons­feh­ler der Deut­schen Ein­heit. Über­heb­lich­keit, ein man­gel­haft aus­ge­bil­de­ter Rea­li­täts­sinn, poli­ti­sches Wunsch­den­ken und die Nach­gie­big­keit des regie­ren­den Bück­bür­ger­tums gegen­über der dama­li­gen lin­ken Oppo­si­ti­on sorg­ten dafür, daß die wirt­schaft­li­che Spit­zen­po­si­ti­on Deutsch­lands inner­halb weni­ger Jah­re ver­spielt wur­de. Ein­zig SPD-Kanz­ler Ger­hard Schrö­der – welch Iro­nie der Geschich­te! – ver­such­te mit sei­ner „Agen­da 2010“, die­se nega­ti­ve Ent­wick­lung wenigs­tens ein­zu­däm­men. Das sorg­te für ein Zwi­schen­hoch. Mehr aber auch nicht!

Berg­hoff wid­met sich den Jah­ren von 1990 bis 2020. Das ist des­halb ein gut gewähl­ter Zeit­raum, weil er dadurch die Erfol­ge der Wirt­schafts­po­li­tik der frü­hen Ber­li­ner Repu­blik her­aus­stel­len kann. Sub­text: Von die­sen Erfol­gen ist durch die seit­dem explo­dier­ten Ener­gie­kos­ten und die Indus­trie­f­lucht in Fol­ge der Kli­ma­po­li­tik nicht mehr viel übriggeblieben.

Bevor sich nun alle in die Lek­tü­re der 300 Sei­ten zuzüg­lich Fuß­no­ten und Quel­len stür­zen, sei vor­ab noch dar­auf hin­ge­wie­sen, daß sich Licht und Schat­ten bei die­sem Buch abwech­seln. Die Kapi­tel über „Wachs­tum und Kon­junk­tur“, die Wei­chen­stel­lun­gen für die ost­deut­sche Wirt­schaft, die Kon­sum­be­geis­te­rung, Indus­trie­po­li­tik sowie über die Steu­er- und Sozi­al­po­li­tik sind gran­di­os. Dane­ben gibt es aber auch eini­ge belang­lo­se und wider­sprüch­li­che Kapi­tel. Ganz beson­ders betrifft das die Aus­füh­run­gen über Demo­gra­phie und Migra­ti­on. Schlimms­te Stel­le: Auf Sei­te 250 heißt es: „Unbe­strit­ten ist, dass Deutsch­land wei­ter­hin vie­le Ein­wan­de­rer braucht.“ Sechs Zei­len (!!!) spä­ter räumt Berg­hoff indes ein, es gebe doch „ernst­zu­neh­men­de Kri­tik“ an der „unkon­trol­lier­ten Ein­wan­de­rung“. Will man Zeit spa­ren und die eige­nen Ner­ven scho­nen, kann man daher nur emp­feh­len, die­se Kapi­tel zu über­sprin­gen und sich auf das Wesent­li­che zu konzentrieren.

  1. Ren­te und Soziales

2027 muß der Bund ins­ge­samt 145 Mil­li­ar­den Euro an Steu­er­mit­teln zur Ren­te hin­zu­schie­ßen, obwohl die Bür­ger brav Monat für Monat ihre Ren­ten­ver­si­che­rung bezah­len. Zum Ver­gleich: Der Ver­tei­di­gungs­etat umfaßt knapp 110 Mil­li­ar­den Euro. Bil­dung und Fami­lie kom­men indes ledig­lich auf 15,5 Mil­li­ar­den Euro. Streng genom­men sind die Ren­ten­aus­ga­ben sogar noch höher, weil es sich um geborg­tes Geld han­delt. Die Zins­kos­ten des Bun­des stei­gen 2027 auf 42 Mil­li­ar­den Euro – Ten­denz stei­gend. Trotz­dem ist das Ren­ten­ni­veau in Deutsch­land nied­ri­ger als im euro­päi­schen Durch­schnitt. Ein Faß ohne Boden ist zudem die Pfle­ge. Sie kos­tet inzwi­schen rund 75 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr.

Die­se exor­bi­tant hohen Sozi­al­aus­ga­ben machen Arbeit in Deutsch­land extrem teu­er. Bür­ger und Unter­neh­men müs­sen für die Ren­ten­zu­schüs­se und die Pfle­ge über 200 Mil­li­ar­den Euro erst ein­mal erwirt­schaf­ten, erhal­ten davon aber zunächst nichts. Bei der Abga­ben- und Steu­er­last liegt Deutsch­land im inter­na­tio­na­len Ver­gleich an zwei­ter Stel­le hin­ter Bel­gi­en. Das schmä­lert die Attrak­ti­vi­tät des Stand­orts enorm.

Man wage nun fol­gen­des rein theo­re­ti­sche Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Was wäre gewe­sen, wenn die Ber­li­ner Repu­blik die Wei­chen zu Beginn der 1990er-Jah­re anders gestellt hät­te? Damals gab es noch kei­ne gesetz­li­che Pfle­ge­ver­si­che­rung. Die Ren­ten­zu­schüs­se betru­gen ledig­lich rund 16,5 Mil­li­ar­den Euro. Das ent­sprach 10,5 Pro­zent der Gesamt­aus­ga­ben des Bun­des. Heu­te liegt die­se Quo­te bei rund 26 Pro­zent. Ver­ein­facht aus­ge­drückt: 1990 war der Staat noch hand­lungs­fä­hig. Inzwi­schen ist der Zug längst abge­fah­ren. Jede Regie­rung wird sich in Zukunft an der Ren­ten­fra­ge die Zäh­ne ausbeißen.

Hart­mut Berg­hoff steigt nun genau hier ein und da wird es so rich­tig span­nend: Ent­ge­gen der nach­träg­li­chen Mytho­lo­gi­sie­rung war die DDR kein sozia­ler Staat. Die Ren­ten in der DDR lagen „zumeist zwi­schen 330 und 470 DDR-Mark“ – also „im Schnitt bei schä­bi­gen 37 % der Brut­to­ein­kom­men“. Um die dro­hen­de Alters­ar­mut abzu­wen­den und „aus wahl­tak­ti­schen Grün­den“ setz­te die Regie­rung von Hel­mut Kohl jedoch eine „extrem groß­zü­gi­ge und teu­re Rege­lung“ um, erklärt Berg­hoff. „Der west­deut­sche Sozi­al­staat behan­del­te die ost­deut­schen Bür­ger, als ob sie lang­jäh­ri­ge Bei­trags­zah­ler gewe­sen wären. Dadurch ver­mied man ihre Zurück­set­zung als ‚Bür­ger zwei­ter Klas­se‘. (…) Zei­ten in einem völ­lig ande­ren Sys­tem wur­den voll­stän­dig ange­rech­net und somit das Grund­prin­zip einer Ver­si­che­rung, dass Leis­tun­gen Bei­trä­ge vor­aus­set­zen, außer Kraft gesetzt.“ Ehe­ma­li­ge DDR-Bür­ger beka­men „min­des­tens eine Ver­dop­pe­lung“ – wenn nicht sogar fast eine Ver­drei­fa­chung – ihrer Ren­ten­an­sprü­che. „Wer 45 Jah­re gear­bei­tet hat­te – und das traf auf die meis­ten zu –, bekam 70 % des durch­schnitt­li­chen bun­des­deut­schen Net­to­ver­diens­tes aus­ge­zahlt.“ Zum einen wur­den die­se Zusatz­be­las­tun­gen über Steu­ern finan­ziert und zum ande­ren über einen Anstieg der Sozi­al­ab­ga­ben von 35,5 auf 42,1 Pro­zent allein bis 1997.

Bei der Pfle­ge wur­de eben­so unvor­sich­tig kal­ku­liert. 1995 zur Ein­füh­rung der gesetz­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung ging die Regie­rung von 1,2 Mil­lio­nen Pfle­ge­be­dürf­ti­gen aus. 2024 waren es auf ein­mal 5,7 Mil­lio­nen. In den nächs­ten Jahr­zehn­ten dürf­te die­se Zahl auf sie­ben Mil­lio­nen anstei­gen. Schon heu­te ist unklar, wer das in Zukunft bezah­len soll. Fest steht jeden­falls: Seit 1995 hat sich der Bei­trags­satz für die Pfle­ge vervierfacht.

Dabei gab es von Anfang an War­nun­gen vor der Expan­si­on des Sozi­al­staa­tes. Berg­hoff dazu: „Im Febru­ar 1990 lau­te­te der Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung, eine Wäh­rungs­uni­on mit Wirt­schafts­re­for­men durch­zu­füh­ren. Die Sozi­al­uni­on soll­te zunächst zurück­ge­stellt wer­den, um die öffent­li­chen Kas­sen nicht zu über­las­ten. Das war ins­be­son­de­re die Posi­ti­on der Bun­des­bank, die sich aber nicht lan­ge durch­hal­ten ließ, da die DDR die Sozi­al­uni­on for­der­te und in der Bun­des­re­pu­blik bei der SPD Unter­stüt­zung fand.“

Berg­hoff ist übri­gens weit davon ent­fernt, die DDR-Rent­ner zum Buh­mann zu machen. Viel­mehr kri­ti­siert er, daß die Las­ten der Ein­heit „ein­sei­tig den Bei­trags­zah­lern der Sozi­al­kas­sen auf­ge­bür­det wur­den, wäh­rend Beam­te und Kapi­tal­be­sit­zer ver­schont blie­ben“. Den Sozi­al­staat beschreibt er als ein „dau­er­haft auf Auto­pi­lot gestell­tes Sys­tem, das kein ent­schie­de­nes Gegen­steu­ern zuließ“.

Die Alter­na­ti­ve dazu wäre ihm zufol­ge eine Ori­en­tie­rung an den 1950er-Jah­ren und der Peri­ode des Wirt­schafts­wun­ders gewe­sen. Für Ver­trie­be­ne aus den Ost­ge­bie­ten und Flücht­lin­ge aus der DDR wur­de 1952 ein Las­ten­aus­gleich durch­ge­führt. Ver­mö­gen­de wur­den über 30 Jah­re zu einer vier­tel­jähr­lich zu leis­ten­den Abga­be ver­pflich­tet. Der Clou dabei: Sofern es Ver­mö­gen­den gelang, eine durch­schnitt­li­che jähr­li­che Kapi­tal­ren­di­te von ca. sie­ben bis acht Pro­zent zu erwirt­schaf­ten, kön­nen sie trotz­dem wei­ter ihr Ver­mö­gen ver­meh­ren, da die Abga­be ledig­lich 1,67 Pro­zent aus­mach­te. Selbst wer sein Geld über einen Spar­brief äußerst kon­ser­va­tiv anlegt, hät­te bei einem sol­chen Las­ten­aus­gleich kein Minus zu befürchten.

Zugleich hät­te die frü­he Ber­li­ner Repu­blik bei gerin­ge­ren Sozi­al­aus­ga­ben in den Neu­en Bun­des­län­dern zum Bei­spiel eine Son­der­wirt­schafts­zo­ne ein­rich­ten kön­nen, um Unter­neh­men mit Steu­er­vor­tei­len und schnel­len Geneh­mi­gun­gen anzulocken.

  1. Jähr­li­che Arbeits­zeit, Kon­sum und Leistungselite

Wäh­rend der Sozi­al­staat auf­ge­bläht wur­de und wir­kungs­vol­le Maß­nah­men zur Sti­mu­lie­rung des Wirt­schafts­wachs­tums in den Neu­en Bun­des­län­dern aus­blie­ben, sank im ver­ein­ten Deutsch­land die Jah­res­ar­beits­zeit pro Erwerbs­tä­ti­gen von 1.554 im Jahr 1991 auf 1.331 Stun­den im Jahr 2020. Hart­mut Berg­hoff ver­gleicht das nicht nur mit ande­ren Indus­trie­län­dern wie den USA und Japan, wo die Bür­ger mehr arbei­ten. Er ver­gleicht es auch mit his­to­ri­schen Daten aus Deutsch­land. 1925 arbei­te­ten die Deut­schen noch fast 3.000 Stun­den und 1970 immer­hin 1.966 Stunden.

Zeit­gleich gelang es nicht, die Kon­sum­an­sprü­che zu zügeln. Berg­hoff zitiert dazu das Neue Forum, das Ende 1989 die DDR-Bür­ger mahn­te: „Ihr seid die Hel­den einer poli­ti­schen Revo­lu­ti­on, lasst Euch jetzt nicht ruhig­stel­len durch Rei­sen und schul­den­er­hö­hen­de Kon­sum­sprit­zen.“ Wie Ulrich Blum ana­ly­siert hat, war der steu­er­geld­fi­nan­zier­te „Auf­bau Ost“ zu wesent­li­chen Tei­len ein Sub­ven­ti­ons­pro­gramm für west­deut­sche Pro­duk­te, die im Osten ver­kauft wur­den. Dem Osten feh­len zudem bis heu­te die Kon­zern­zen­tra­len. Er wur­de nach der Wen­de vor allem als „ver­län­ger­te Werk­bank“ genutzt. Die steu­er­li­chen Erträ­ge die­ser weni­gen Fabri­ken flos­sen zurück zu den „Was­ser­köp­fen“ im Wes­ten, so Blum, der als Bei­spiel das VW-Werk in Zwi­ckau nennt. Wenn Volks­wa­gen nun in den 2020er- und 2030er-Jah­ren auf­grund zahl­rei­cher Manage­ment-Feh­ler über Werks­schlie­ßun­gen nach­den­ken muß, so ist klar, daß es Zwi­ckau mit als ers­tes tref­fen dürfte.

Was also schief­lief, faßt Blum so zusam­men: „Der Staat glaub­te fälsch­li­cher­wei­se, man müs­se nur die Nach­fra­ge sub­ven­tio­nie­ren, dann wür­den die Unter­neh­men von ganz allei­ne ent­ste­hen. Aber wer nur die Nach­fra­ge sti­mu­liert, sorgt dafür, dass die Leu­te das pro­du­zie­ren, was es ohne­hin schon auf dem Markt gibt. Um völ­lig neue Din­ge zu wagen, braucht es den Geist von Selbst­aus­beu­tern und Ver­rück­ten. Den hat das star­re west­deut­sche Regu­lie­rungs- und Ver­wal­tungs­sys­tem im Osten anfangs eher erstickt als gefördert.“

Berg­hoff ergänzt zu die­sem Men­ta­li­täts­pro­blem: „Die deut­sche Wirt­schafts­eli­te zeich­ne­te sich über­wie­gend durch groß­bür­ger­li­che Exklu­si­vi­tät aus und war das Gegen­teil einer offe­nen Leis­tungs­eli­te.“ Eine Ursa­che dafür ist sicher­lich auch in der Bil­dungs­mi­se­re zu fin­den. Die­se Bil­dungs­mi­se­re, die anhand inter­na­tio­na­ler Ver­gleichs­stu­di­en wie PISA ersicht­lich wird, wur­de durch eine gleich­zei­ti­ge Ein­ser-Infla­ti­on an den Schu­len und Über­aka­de­mi­sie­rung ins­be­son­de­re für die Betrof­fe­nen ver­tuscht. Alles in allem führt das zu sin­ken­der Leis­tungs­be­reit­schaft und zu Oppor­tu­nis­mus, um nach oben zu kom­men. Jahr­zehn­te­lang bestand das Selbst­bild der Deut­schen in der Fehl­an­nah­me, daß Wohl­stand ohne Anstren­gung mög­lich sei. Es han­del­te sich dabei natür­lich um einen Trug­schluß. Doch die­se schmerz­haf­te Leh­re wer­den die Deut­schen erst in den nächs­ten Jah­ren voll­stän­dig zu spü­ren bekom­men, wenn wei­te­re Arbeits­plät­ze und Markt­an­tei­le verlorengehen.

  1. Tech­no­lo­gie­dif­fe­ren­zie­rung, Indus­trie und Löhne

Um das Jahr 2020 war Deutsch­land indes noch ein öko­no­mi­scher Schein­rie­se. Berg­hoff macht für die­se Stär­ke drei – inzwi­schen brü­chig gewor­de­ne – Säu­len ver­ant­wort­lich. Die USA lie­fer­ten fast kos­ten­los mili­tä­ri­sche Sicher­heit. Ruß­land ver­sorg­te Deutsch­land mit bil­li­ger Ener­gie und Chi­na war mit sei­ner „schier unbe­grenz­ten Auf­nah­me­fä­hig­keit“ der per­fek­te Markt für die deut­sche Exportwirtschaft.

Hin­zu kamen wei­te­re Erfolgs­fak­to­ren: Deutsch­land pro­fi­tiert bis heu­te von der Öff­nung Ost­eu­ro­pas. Der Pro­duk­ti­ons­fak­tor „Arbeit“ war zwar einer­seits durch Steu­ern und Abga­ben teu­er. Ande­rer­seits wur­den die Lohn­kos­ten der Unter­neh­men durch die hohe Arbeits­lo­sig­keit bis Mit­te der 2000er-Jah­re und die mul­ti­plen Kri­sen danach (Finanz‑, Grie­chen­land- und Euro­kri­se) gedämpft. Das änder­te sich erst mit der Ein­füh­rung des Min­dest­lohns ab 2015.

Dar­über hin­aus ist die „Tech­no­lo­gie­dif­fe­ren­zie­rung“ (Berg­hoff) der deut­schen Wirt­schaft lobend zu erwäh­nen. Indus­trien wie die Tex­til­bran­che sind spä­tes­tens seit den 1990er-Jah­ren in Deutsch­land nicht mehr zu hal­ten. Sie wan­der­ten nach Asi­en ab. Deutsch­land kon­zen­trier­te sich indes auf rei­fe Tech­no­lo­gien. Im Maschi­nen­bau, in der Auto­in­dus­trie, in der Elek­tro­tech­nik, Che­mie und im Phar­ma-Bereich stie­gen sowohl die Beschäf­ti­gung als auch der Auto­ma­ti­sie­rungs­grad und die Umsät­ze sowieso.

Trotz die­ser har­ten Fak­ten wähn­te sich die poli­tisch-media­le Klas­se in einem „post­in­dus­tri­el­len Zeit­al­ter“. Der sich beschleu­ni­gen­de Nie­der­gang der deut­schen Volks­wirt­schaft in den 2020er-Jah­ren hängt in mehr­fa­cher Hin­sicht mit die­sem schäd­li­chen Dis­kurs zusam­men. Zum einen glaub­te die Regie­rung, auf güns­ti­ge Ener­gie zuguns­ten einer illu­sio­nä­ren Welt­kli­ma­ret­tung ver­zich­ten zu kön­nen. Zum ande­ren miß­lang der Über­gang von der Indus­trie- zur Wis­sens­ge­sell­schaft – unter ande­rem, weil die Inves­ti­tio­nen in die digi­ta­le Infra­struk­tur bei wei­tem nicht rei­chen. Im EU-Digi­tal­ran­king kommt Deutsch­land aktu­ell auf Platz 17 von 27.

Alex Karp emp­fin­det nicht nur die deut­sche Ein­wan­de­rungs- und Ener­gie­po­li­tik als „sui­zi­dal“. Auch die aktu­el­le Tech­no­lo­gie­po­li­tik lau­fe auf Selb­st­ab­schaf­fung hin­aus, weil man sich unfä­hig zei­ge, Digi­ta­li­sie­rung und Indus­trie sinn­voll zu ver­knüp­fen. Was er vor­schlägt, faßt die WELT so zusam­men: „Im Kern läuft Karps Appell auf eine Rück­be­sin­nung auf Tugen­den hin­aus, die er als ursprüng­lich deutsch beschreibt: tech­ni­sche Ernst­haf­tig­keit, Prä­zi­si­on, indus­tri­el­le Ambi­ti­on, Sou­ve­rä­ni­täts­be­wusst­sein.“ Na dann, los!

Hart­mut Berg­hoff: Trü­ge­ri­scher Wohl­stand. Eine Wirt­schafts­ge­schich­te der Ber­li­ner Repu­blik seit 1990. Mün­chen 2026