Not abwenden, ohne noch größere Not zu erzeugen!

Not abwenden, ohne noch größere Not zu erzeugen!

Da wer­den nun schon trös­tend zu den Aus­wir­kun­gen der Coro­na­kri­se, die zu einer schwe­ren Wirt­schafts­kri­se wird, Joseph A. Schum­pe­ters Wor­te von der „krea­ti­ven Zer­stö­rung“ zitiert: Der weit­ge­hen­de wirt­schaft­li­che Still­stand wer­de dazu füh­ren, daß Unter­neh­men und Bran­chen, die ohne­hin geschwächt sind und kein Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al haben, halt nicht über­le­ben und Platz für Neu­es machen.

Grund­le­gen­der kann man die der­zei­ti­ge wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Situa­ti­on wohl nicht ver­ken­nen. Und die lang­jäh­ri­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on von Schum­pe­ters Buch Capi­ta­lism, Socia­lism and Demo­cra­cy (New York 1942; gekürz­te und teil­wei­se ver­fäl­schen­de Über­set­zung zuerst deutsch: Bern 1946) erreicht so wohl einen neu­en Höhe­punkt.

Natürliche Einflüsse auf die Wirtschaft

Ja, die Natur – und bei einem Virus han­delt es sich um Natur, was man immer über die Ursa­chen, die zu die­ser gefähr­li­chen Muta­ti­on und deren Ver­brei­tung geführt haben, anneh­men oder in Erfah­rung brin­gen mag – kann sich sehr nega­tiv und zer­stö­rend auf Wirt­schaft und Gesell­schaft aus­wir­ken. Das kam in der Geschich­te der Mensch­heit oft vor und von den wohl meis­ten zer­stör­ten Gesell­schaf­ten wis­sen wir nicht mal, daß es sie gege­ben hat.

Natur­zer­stö­run­gen gibt es auch heu­te noch in unter­schied­lichs­ter Art und das wird es wohl immer geben. Das Pro­blem ist aber nicht der Natur­pro­zeß an sich, so kata­stro­phal das für die von Dür­re, Erd­be­ben, Käl­te­ein­brü­chen, Krank­hei­ten, Über­schwem­mun­gen, Vul­kan­aus­brü­chen, … Betrof­fe­nen auch sein mag. Das Pro­blem ist stets die Art und Wei­se, wie die regie­ren­den Poli­ti­ker damit umge­hen. Natür­lich erwar­tet man, daß bei Gefahr die Poli­tik dazu bei­trägt, die Not abzu­wen­den, aber eben ohne eine noch grö­ße­re Not zu erzeu­gen.

Die bei Aus­bruch der Coro­na-Epi­de­mie in Chi­na zu rea­li­sie­ren­de, enorm hohe Anste­ckungs­ge­fahr erfor­der­te not­wen­dig Schutz­maß­nah­men. Rei­sen aus den ver­seuch­ten Gebie­ten und in die­se hin­ein strikt zu unter­bin­den, wäre eine sofort, gleich­sam zwangs­wei­se zu tref­fen­de poli­ti­sche Ent­schei­dung gewe­sen mit unver­meid­ba­ren wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Import und Export, auf die Rei­se­bran­che und den Tou­ris­mus. Das kann für vie­le Unter­neh­men zer­stö­re­risch sein. Was ist dar­an krea­tiv?

Merkel weigerte sich, Reiseverkehr einzuschränken

Wie aber haben die Regie­run­gen mehr­heit­lich – man schaue vor allem auf unse­re deut­sche – gehan­delt? Sie haben zunächst anschei­nend ent­ge­gen den Berich­ten ihrer eige­nen Geheim­diens­te den offi­zi­el­len chi­ne­si­schen Dar­stel­lun­gen und den abwie­geln­den Äuße­run­gen der WHO geglaubt, daß Chi­na „kei­ne Epi­de­mie der Lun­gen­ent­zün­dun­gen“ habe. Dabei weiß man, daß die Chi­na-Kom­mu­nis­ten Pro­ble­me im Lan­de soweit als mög­lich zu leug­nen pfle­gen. Auch deut­sche Viro­lo­gen, die zu den Star-Bera­tern der Regie­rung auf­stie­gen – Chris­ti­an Dros­ten und Lothar Wie­ler – sen­de­ten zunächst beru­hi­gen­de Bot­schaf­ten: Die Krank­heit ver­lau­fe meist harm­los, die Anste­ckungs­ge­fahr sei „der­zeit gering“ (letz­te­rer Ende Janu­ar im ZDF) und sie ist „wie eine schwe­re Grip­pe­wel­le“ (der­sel­be Mit­te Febru­ar).

Selbst als Ende Janu­ar zwei nach Deutsch­land ein­ge­reis­te chi­ne­si­sche Mit­ar­bei­ter der renom­mier­ten Fir­ma Webas­to ande­re Mit­ar­bei­ter bei einer Kon­fe­renz mit dem Virus ange­steckt hat­ten, ging der Rei­se­ver­kehr wei­ter und das Virus ver­brei­te­te sich von einem Land zum ande­ren.

Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) äußer­te da noch: „Der Fall aus Bay­ern zeigt aber, dass wir gut dar­auf vor­be­rei­tet sind.“ Unmit­tel­bar nach­dem klar war, daß sich das Virus bei Groß­ver­an­stal­tun­gen ver­brei­tet und die Kar­ne­vals­fei­er­lich­kei­ten in Vene­dig abge­bro­chen wur­den, plä­dier­te Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel beim Jah­res­emp­fang in Stral­sund noch für „Maß und Mit­te“. Selbst als am 4. März Island infor­mier­te, daß aus dem Urlaub in Öster­reich Infi­zier­te zurück­kom­men, Nor­we­gen am 8. März Alarm schlug, Däne­mark am 10. März Flug­ein­rei­sen stopp­te, blieb die deut­sche Regie­rung taten­los. Man muß schon sehr zynisch sein, um das krea­tiv zu nen­nen!

Kreative Zerstörung nach Tiefschlaf der Regierung?

Dann die Total­wen­de: Die von der Regie­rung bevor­zug­ten Exper­ten erklär­ten nun das genaue Gegen­teil, wie bis­her, und warn­ten und war­nen wei­ter emsig vor einer enor­men Anste­ckungs­ge­fahr. Die Epi­de­mie hat­te sich in Ita­li­en kata­stro­phal aus­ge­brei­tet. Dort war das Gesund­heits­sys­tem fak­tisch kol­la­biert. Am 23. März ord­ne­te die Poli­tik den Shut­down der Wirt­schaft und des gesell­schaft­li­chen Lebens an. Wo blieb da „Maß und Mit­te“? Wie ist die­se Total­wen­de zu erklä­ren? Erst busi­ness as usu­al – dann fast kein busi­ness mehr! Inzwi­schen schätzt McK­in­sey, daß das Brut­to­in­land­pro­dukt Deutsch­lands infol­ge­des­sen um 25 Pro­zent schrumpft, kon­kret um fünf Mil­li­ar­den Euro in jeder Woche des Wirt­schafts­still­stands. Der Volks­wirt­schafts-Pro­fes­sor Jens Süde­kum rech­net sogar mit 35 Mil­li­ar­den Euro Ver­lust pro Woche, das sind fünf Mil­li­ar­den pro Tag.

Wie ist zu erklä­ren, daß in fast allen Län­dern die Poli­ti­ker den Still­stand anord­ne­ten und damit eine schwe­re Wirt­schafts­kri­se ris­kie­ren? Man wird das wohl nicht dar­auf zurück­füh­ren kön­nen, daß die Poli­tik die fal­schen Bera­ter kon­sul­tiert hat, obwohl: Es ist schon merk­wür­dig, daß Viro­lo­gen, die gewöhn­lich in Labors mit Petri­scha­le, Reagenz­glas und Pipet­te arbei­ten und Tier­ver­su­che machen, als ent­schei­den­de Sach­ver­stän­di­ge her­an­ge­zo­gen wer­den, wenn es um die Fra­ge geht, wie sich eine Epi­de­mie in den unter­schied­li­chen Gesell­schaf­ten ver­brei­tet, die natür­lich ihre je spe­zi­el­len, kul­tu­rell gepräg­ten Umgangs­for­men haben.

Deutsch­land ist da gewiß anders als Ita­li­en oder Spa­ni­en oder Japan oder Tai­wan. Da sind doch wohl vor­ran­gig Epi­de­mio­lo­gen und Sozio­lo­gen zu befra­gen. Aller­dings: Poli­ti­ker holen sich wohl gern die als Bera­ter, die ihren poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen nahe sind und das begrün­den, was sie ohne­hin tun wol­len. Da gibt es dann ja auch ins­be­son­de­re bei uns eine Poli­ti­ke­rin, die ande­re Mei­nun­gen „nicht hilf­reich“ fin­det und vor „Dis­kus­si­ons­or­gi­en“ warnt.

Das entscheidende Kriterium ist Macht

Man kann bei Poli­ti­kern nicht vor­aus­set­zen, daß sie dif­fe­ren­ziert und letzt­lich auch (!) mit wirt­schaft­li­chem Sach­ver­stand ent­schei­den. Poli­ti­ker ent­schei­den meis­tens nach dem Kri­te­ri­um: Was kann mich an der Macht hal­ten? Wie ver­mei­de ich, daß man mir einen Vor­wurf machen kann? Über­schätzt man die Gefähr­lich­keit des Coro­na-Virus, pro­du­ziert man eine self-ful­fil­ling Gegen­ar­gu­ment-Zer­stö­rung. Das Argu­ment, daß die strengs­ten Maß­nah­men nicht nötig gewe­sen wären, da sich ja gezeigt hat, daß die Epi­de­mie nicht die erwar­te­ten extre­men Aus­wir­kun­gen hat, wird sofort zurück­ge­wie­sen mit dem Hin­weis: Das sei ja nur so, weil man sol­che extre­men Maß­nah­men ergrif­fen hat.

Das ist das „Prä­ven­ti­ons­pa­ra­do­xon“ (Chris­ti­an Dros­ten). Das bedeu­tet, die­ses poli­ti­sche Han­deln ist eben­so wie des­sen wis­sen­schaft­li­che Begrün­dung nicht fal­si­fi­zier­bar – ein Traum, ein Ide­al­zu­stand für jeden Poli­ti­ker, daß man ihm prin­zi­pi­ell nie­mals nach­wei­sen kann, etwas falsch gemacht zu haben. Sind sie bedroht, schei­nen vie­le Bür­ger auch eine gou­ver­nan­ten­haf­te Bevor­mun­dung durch die Poli­tik zu gou­tie­ren, wie Umfra­gen bele­gen – vor­erst jeden­falls und hof­fent­lich nicht lan­ge. Was ist, wenn sich erweist, daß die Regie­rung „schöp­fe­risch“ im Inter­es­se ihres Selbst­er­halts die Zer­stö­rung der Gesell­schaft ris­kiert hat?

Zerstörerisch gegen kreative Unternehmer

Noch­mal: Dif­fe­ren­zier­tes Den­ken kann wohl von Poli­ti­kern nicht erwar­tet wer­den, ins­be­son­de­re nicht von einer Kanz­le­rin, die ihre Ent­schei­dun­gen für „alter­na­tiv­los“ hält. Erst wur­de mit Hil­fe aus­ge­such­ter Exper­ten erklärt, Schutz­mas­ken sei­en nicht sinn­voll und eher Viren­schleu­dern. Der wirk­li­che Grund für die­se Erklä­rung wur­de ver­schwie­gen: Es gab ein­fach nicht genug Mas­ken, um der Bevöl­ke­rung deren all­ge­mei­ne Nut­zung zu emp­feh­len.

Aber die Wirt­schaft hat reagiert und vie­le Unter­neh­men haben schnell umge­stellt, um sol­che zu pro­du­zie­ren – man­che wur­den dafür bestraft, weil sie irr­tüm­li­cher­wei­se die spe­zi­ell geschütz­te Bezeich­nung für medi­zi­ni­sche Mas­ken auch für die ihren anwand­ten. Von ande­ren Unter­neh­men, die schnell auf die Pro­duk­ti­on von drin­gend benö­tig­tem Des­in­fek­ti­ons­al­ko­hol umstell­ten, ver­lang­te man die Alko­hol­steu­er. Da wirk­te wohl die Poli­tik eher zer­stö­re­risch gegen krea­ti­ve Unter­neh­mer. Jetzt schei­nen genü­gend ein­fa­che Mas­ken für die Bevöl­ke­rung auf dem Markt zu sein und die Regie­rung ord­net – natür­lich mit Unter­stüt­zung von will­fäh­ri­gen Exper­ten – deren Benut­zung an.

Hät­te man nicht mit „Maß und Mit­te“ dif­fe­ren­ziert dem eigen­ver­ant­wort­li­chen Han­deln der Bevöl­ke­rung und der Krea­ti­vi­tät der Unter­neh­men Raum las­sen kön­nen? War die tota­le Schlie­ßung von Gast­stät­ten, Geschäf­ten, Hotels, Kon­zert­hal­len, Kinos, Sport­stät­ten, Thea­tern nötig? Traut man der Bevöl­ke­rung und den Unter­neh­mern nicht, mit ent­spre­chen­den Maß­nah­men, die sich natür­lich auch behörd­lich über­prü­fen las­sen, den not­wen­di­gen Sicher­heits­ab­stand ein­zu­hal­ten und so die Geschäfts­tä­tig­keit – wenn auch mit not­wen­dig redu­zier­ter Kun­den-/Be­su­cher­zahl – wei­ter­zu­füh­ren? Muß man gan­ze Län­der unter Qua­ran­tä­ne stel­len, wenn es dar­um geht, beson­de­re Risi­ko­grup­pen vor Anste­ckung zu schüt­zen?

Die Poli­tik wirk­te mit ihren Anord­nun­gen, alle Geschäf­te bis auf weni­ge Auf­nah­men zu schlie­ßen und sämt­li­che Ver­an­stal­tun­gen zu ver­bie­ten, zer­stö­re­risch und über­haupt nicht schöp­fe­risch.

Der schöpferische Unternehmer erfindet Neues, wenn es nötig ist

In Schum­pe­ters gesam­ten theo­re­ti­schen Schaf­fen steht der schöp­fe­ri­sche Unter­neh­mer im Mit­tel­punkt. Der paßt sich dem Markt an, struk­tu­riert um, wenn sich die Bedin­gun­gen ändern, erfin­det Neu­es und setzt es durch. Das ist nicht zer­stö­re­risch, son­dern nor­mal und krea­tiv! Schum­pe­ter wies aber auch auf abnor­ma­le wirt­schaft­li­che Anpas­sun­gen hin. Die sei­en – so Schum­pe­ter – im Ent­wick­lungs­pro­zeß „funk­ti­ons­los“. Die­se zer­stö­re­ri­schen Anpas­sun­gen wer­den durch poli­ti­sche Fehl­ent­schei­dun­gen und sozia­le, natio­na­le wie inter­na­tio­na­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­ur­sacht. Das kön­nen wir aktu­ell bei der Coro­na­kri­se stu­die­ren: Man ist gut bera­ten, von der Poli­tik nichts Gutes zu erwar­ten!

Unse­rer Gro­Ko fällt zum wirt­schaft­li­chen Still­stand, den sie zu ver­ant­wor­ten hat, nur ein, Geld unter die Leu­te zu schüt­ten. Und Leu­ten, die ohne­hin von Steu­er­gel­dern leben, scheint es zu gefal­len, daß die Regie­rung Geschen­ke ver­teilt. Wer eigen­ver­ant­wort­lich sei­nen Lebens­un­ter­halt erar­bei­tet, will aber kei­ne Almo­sen. Die Gefahr, daß eine Geld­schwem­me bei redu­zier­ter Pro­duk­ti­ons- und Wirt­schafts­leis­tung zu Infla­ti­on, Staats­bank­rott, Wäh­rungs­ab­sturz und Geld­re­form füh­ren kann, scheint unse­re Poli­ti­ker nicht zu inter­es­sie­ren. Und die Sozi­al­de­mo­kra­ten und Lin­ken froh­lo­cken schon: Ver­staat­li­chun­gen und Steu­er­erhö­hun­gen. Und Grü­ne ver­lau­ten, man sol­le nur den „öko­lo­gi­schen Umbau“ beim Weg aus der Kri­se vor­an­brin­gen. Das muß man zer­stö­re­risch und nicht krea­tiv nen­nen!

Schum­pe­ters „socia­lism book“, wie er es selbst bezeich­ne­te, ist grund­le­gend miß­ver­tan­den wor­den. Der Unter­neh­mer ist schöp­fe­risch – der Staat zer­stö­re­risch, wenn er dem Unter­neh­mer­tum kei­nen Raum läßt.

Vor­aus­sicht­lich im Juni wird die 10., kor­ri­gier­te, erheb­lich erwei­ter­te und mit einem neu­en Vor­wort ver­se­he­ne deutsch­spra­chi­ge Auf­la­ge von Schum­pe­ters Kapi­ta­lis­mus, Sozia­lis­mus und Demo­kra­tie erschei­nen und hof­fent­lich eini­ge Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen zu Schum­pe­ter aus­räu­men. Ein Arti­kel von mir in Hin­blick auf die­se Aus­ga­be ist in Vor­be­rei­tung. (von Lothar W. Paw­li­c­zak)

Bild: Pixabay

1 Kommentar

  1. In mei­nem Arti­kel schlie­ße ich aus der Annah­me, das Han­deln der Gro­Ko-Regie­rung sei vom Macht­er­hal­tungs­in­ter­es­se gelei­tet, deduk­tiv. Die­se Annah­me stützt sich auf frü­he­re Mel­dun­gen, Frau Mer­kel las­se sich regel­mä­ßig Mei­nungs­um­fra­gen vor­le­gen und rich­te anschei­nend dar­an ihr Auf­tre­ten und auch ihre Ent­schei­dun­gen aus: Ihre 180-Grad-Wen­den in der Atom­ener­gie­fra­ge nach der Fuku­shi­ma-Kata­stro­phe und in der Flücht­lings­kri­se waren ja auch bei­falls­hei­schend und sie will unbe­dingt „unschö­ne Bil­der“ ver­mei­den.

    Inzwi­schen gibt es hin­rei­chend Fak­ten, die die Schluß­fol­ge­run­gen bestä­ti­gen und induk­tiv fol­gern las­sen: Die Reak­tio­nen der Regie­rung – sowohl das anfäng­li­che Nicht-Han­deln wie die spä­te­ren restrik­ti­ven Maß­nah­men – sind allein macht­ori­en­tiert. Fak­ten lie­fert dazu ins­be­son­de­re die Ana­ly­se des Kri­sen­ma­nage­ments von Ober­re­gie­rungs­rat K., stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Abtei­lung KM4 im Bin­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (PdF: https://www.tichyseinblick.de/wp-content/uploads/2020/05/Corona-Ma%C3%9Fnahmenbewertung.pdf).
    „Ein Sicher­heits­kon­zept erfüllt nicht allei­ne dadurch die wis­sen­schaft­li­che Begründ­etheit, dass Wis­sen­schaft­ler ein­be­zo­gen wur­den. Denn die Wis­sen­schaft als Gesamt­kon­zept zeich­net sich viel­fach durch hete­ro­ge­ne Theo­ri­en­bil­dung, Mei­nun­gen und Ein­schät­zun­gen von Wis­sen­schaft­lern aus.“ (S. 10) Die erheb­li­che Gefahr für die Gesund­heit hät­te dif­fe­ren­ziert gegen Gefähr­dun­gen, die aus Schutz­maß­nah­men ent­ste­hen, dar­un­ter gegen die mit­tel- und lang­fris­ti­gen wirt­schaft­li­chen Fol­gen abge­wo­gen wer­den müs­sen. „Das Kri­sen­ma­nage­ment 2020 hat die­se Wech­sel­wir­kun­gen nicht sys­te­ma­tisch mit­er­fasst und in ihrer Wir­kung nicht gegen­ge­rech­net.“ (S. 12) Es wur­de und wird von der Poli­tik „ein über­wie­gend spe­ku­la­ti­ves Geschäft mit dem Schick­sal unse­res Gemein­we­sens und unse­rer Bevöl­ke­rung“ (S. 15) betrie­ben.
    Zur Rol­le der Kanz­le­rin wird fest­ge­stellt: „Im Fal­le einer beson­ders schwe­ren Kri­se über­nimmt die Bun­des­kanz­le­rin die Koor­di­na­ti­on und Füh­rung.“ Aber: „Es bleibt unklar, was die­se ‚Füh­rungs­rol­le‘ bedeu­tet. Es könn­te z.B. bedeu­ten, dass die Bun­des­kanz­le­rin die vom Kri­sen­stab vor­be­rei­te­ten Ent­schei­dun­gen nach außen ver­mit­telt (wie eine Spre­cher­funk­ti­on, in Kom­bi­na­ti­on mit einer Art mas­sen­psy­cho­lo­gi­scher Betreu­ung der Bevöl­ke­rung). Es könn­te aber auch bedeu­ten, dass die Bun­des­kanz­le­rin völ­lig frei nach Lust und Lau­ne, oder auch nach eige­nen fes­ten Kri­te­ri­en ent­schei­det. […] Auf der poli­ti­schen Ebe­ne hat sich der Feh­ler der unter­blie­be­nen umfas­sen­den und sys­te­ma­ti­schen Gefah­ren­ana­ly­se und –bewer­tung unmit­tel­bar aus­ge­wirkt und aller Wahr­schein­lich­keit nach zu schwer­wie­gen­den Fehl­ent­schei­dun­gen geführt.“ (S. 56) Dage­gen rekla­miert die poli­ti­sche Füh­rung von Bund und Län­dern für sich, „dass bei allen Ent­schei­dun­gen, deren Wir­kung ‚in gesund­heit­li­cher, sozia­ler und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht‘ sorg­fäl­tig gegen­ein­an­der abge­wo­gen wür­den. Die ‚stän­dig zuneh­men­den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se über die­ses neu­ar­ti­ge Virus‘ und vie­le inter­dis­zi­pli­nä­re Exper­ten­mei­nun­gen sol­len dabei in die Ent­schei­dungs­fin­dung ein­ge­flos­sen sein. Ein Blick in die viel­fäl­ti­gen Bei­trä­ge aus allen tan­gier­ten Wis­sen­schafts­be­rei­chen, die in den letz­ten Wochen im Inter­net zu lesen waren, sowie ein Abgleich mit den in den Lage­be­rich­ten zusam­men getra­ge­nen Inhal­ten offen­bart, dass dies nicht umge­setzt wor­den sein kann. Bei der Erhe­bung von medi­zi­nisch-gesund­heit­li­chen Lage­da­ten wur­de auf ein sehr enges Set an Indi­ka­to­ren zurück­ge­grif­fen […], wäh­rend die in DEU[tschland] reich vor­han­de­ne Exper­ti­se in vie­len ande­ren unmit­tel­bar betrof­fe­nen Dis­zi­pli­nen brach­lie­gen gelas­sen wur­de.“ (S. 60)

    Ober­re­gie­rungs­rat K. stellt die Fra­ge, „wie effek­tiv und prak­ti­ka­bel es sein kann, wenn in einer Pan­de­mie die Poli­tik ent­schei­det und infla­tio­när agiert, wenn, wie in der Coro­na­kri­se, eini­ge weni­ge Regie­rungs­mit­glie­der, die nicht für die Bewäl­ti­gung der­ar­ti­ger Gefah­ren­la­gen aus­ge­bil­det wur­den, und die über die dafür erfor­der­li­che Fach­kom­pe­tenz in der Regel nicht ver­fü­gen kön­nen, das Schick­sal des Lan­des bestim­men sol­len.“ (S. 61) Und er bringt erläu­ternd als Bei­spiel: „In ande­ren Gefah­ren­si­tua­tio­nen, wie z.B. bei einem Feu­er­wehr­ein­satz an einem bren­nen­den Wohn­haus, wer­den die Ent­schei­dun­gen von qua­li­fi­zier­ten Ret­tungs­kräf­ten getrof­fen, nicht vom (poli­ti­sche gewähl­ten) Bür­ger­meis­ter. Der Brand­meis­ter der Feu­er­wehr ent­schei­det, ob die ein­zi­ge ver­füg­ba­re Lei­ter genutzt wird, um zuerst eine aus einem Fens­ter auf der eine Gebäu­de­sei­te um Hil­fe rufen­de schwan­ge­re Frau zu ret­ten, oder ein aus dem ande­ren Gebäu­de­teil win­ken­des Kind, das von dich­ten Rauch­schwa­den ein­ge­hüllt ist.“ (Ebd.) Aller­dings läßt sich das Bei­spiel wohl nicht ver­all­ge­mei­nern.
    Rück­bli­ckend auf ande­re schwer­wie­gen­de Kri­sen­si­tua­tio­nen – Ber­lin-Blo­cka­de 1948/49, Mau­er­bau 1961, Lands­hut-Ent­füh­rung 1977 – ist fest­zu­stel­len: Auch hier haben die Poli­ti­ker ent­schie­den, aber unter Hin­zu­zie­hung unter­schied­li­cher Exper­ten und umfas­sen­der Abwä­gung mög­li­cher Risi­ken, obwohl in die­sen Kri­sen der Druck, inner­halb kür­zes­ter Zeit Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, erheb­lich grö­ßer war als in der Coro­na­kri­se. Die West­al­li­ier­ten, John F. Ken­ne­dy, Hel­mut Schmidt haben sich nicht für den kurz­fris­ti­gen Bei­fall des Publi­kums ent­schie­den und schwer­wie­gen­de Fol­gen – in ers­te­ren bei­den Fäl­len ein mög­li­cher drit­ter Welt­krieg, in letz­te­rem Fall eine anhal­ten­de Erpreß­bar­keit des Lan­des – aus­ge­schlos­sen. Dage­gen wur­den „bei dem Bemü­hen des Kri­sen­ma­nage­ments um eine Bewäl­ti­gung der Virus-Infek­ti­on […] Maß­nah­men getrof­fen, die im Ver­lau­fe der Kri­se zu einer eigen­stän­di­gen Gefahr gewor­den sind.“ (S. 65)

    Ergo: „Bei den Medi­en und der Bevöl­ke­rung kam das Agie­ren der Kanz­le­rin gut an. Die­ser Kom­plex müss­te aus drei Grün­den näher unter­sucht wer­den: 1. Publi­kums­ge­fal­len ist kei­ne Garan­tie und noch nicht ein­mal über­haupt ein Kri­te­ri­um für rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen. Mit ihm kommt ein sach­frem­der Moti­va­tor ins Spiel, der anfäl­lig für Fehl­ent­schei­dun­gen macht. 2. Über­gro­ße Zustim­mung und Akzep­tanz selbst für Unsinn erzie­len zu kön­nen, birgt eine gro­ße Gefahr für unser Gemein­we­sen in sich. 3. Die nahe­zu durch­gän­gi­ge posi­ti­ve Reso­nanz der Medi­en ins­be­son­de­re auf jeg­li­che Akti­vi­tät der Bun­des­kanz­le­rin, egal was sie gera­de ankün­dig­te und wie und mit wel­chem Timing sie ihre Hal­tung zu bestimm­ten Fra­gen als alter­na­tiv­los dar­stell­te oder auch änder­te, bestä­tigt lei­der nega­ti­ve Vor­ur­tei­le über die Pres­se.“ (S. 69) Ich kann die­se Grün­de nur hoff­nungs­vol­len Aka­de­mi­kern als Dis­ser­ta­ti­ons­the­ma emp­feh­len.

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