Mittelstand for Future?

Mittelstand for Future?

Die „Fri­days for Future“-Bewegung ist in der Wirt­schaft ange­kom­men. „Entre­pre­neurs for Future“ (EFF) heißt der Zusam­men­schluß von 2.600 Unter­neh­men mit ins­ge­samt 200.000 Mit­ar­bei­tern, der die Poli­tik zu radi­ka­len Maß­nah­men gegen die Kli­ma­er­wär­mung bewe­gen will.

Die meis­ten von ihnen sind Mit­tel­ständ­ler oder klei­ne Start-ups. Auch pro­mi­nen­te Unter­neh­men wie Zalan­do, Deli­very Hero oder Flix­bus wol­len beim „Kli­ma­schutz“ mit­mi­schen und haben die Initia­ti­ve „Lea­ders for cli­ma­te action“ ins Leben geru­fen.

Wie beim papp­be­schil­der­ten jugend­li­chen Vor­bild auf den Stra­ßen las­sen sich die Entre­pre­neurs und Lea­ders pathe­ti­schen Schwung ohne Rück­spie­gel und leicht­fer­ti­ge poli­ti­sche Radi­ka­li­tät nicht neh­men: Die Bun­des­re­gie­rung müs­se „viel mehr tun, um das Kli­ma zu schüt­zen“, denn man sei „in einer zeit­his­to­risch ent­schei­den­den Pha­se, in der jeder Schritt zählt“, so etwa der Deli­very Hero-Chef Niklas Öst­berg. Ein rascher Kom­plett­um­stieg auf erneu­er­ba­re Ener­gi­en zäh­le eben­so dazu, wie eine CO2- und eine Kero­sin-Steu­er. Denn Deutsch­land kön­ne Vor­rei­ter wer­den: „Wir sol­len“, zitiert das Han­dels­blatt Öst­berg, den Kli­ma­schutz „als Chan­ce begrei­fen“.

Recher­che Dres­den meint: Es ist zwar nach­voll­zieh­bar, daß Unter­neh­men mit der Adap­ti­on poli­tisch oppor­tu­ner The­men Image­pfle­ge betrei­ben. Aber es ist im Fal­le des Kli­ma- und Umwelt­kom­ple­xes beson­ders abge­schmackt, wenn sich aus­ge­rech­net Essens­lie­fer­diens­te wie Deli­very Hero ver­bal an die Spit­ze der Kli­ma-Bewe­gung schwin­gen. Unter Umwelt­schutz­as­pek­ten sind die Mil­lio­nen Ein­zel­trans­por­te für ein, zwei war­me Papp­schach­teln mit Piz­za plus Bei­la­ge ein beson­ders „schmut­zi­ges“ Geschäft.

Wenn Öst­berg groß­spu­rig von „Nach­hal­tig­keit“ spricht, dann scheint er zu ver­ges­sen, daß der bil­li­ge und über­flüs­si­ge Essens­trans­port über Lie­fer­diens­te – und somit der Kern sei­nes Geschäfts­mo­dells – per se nicht nach­hal­tig ist. Umwelt­scho­nend wäre der Gang zum nächs­ten Lebens­mit­tel­ge­schäft; oder noch bes­ser: vom eige­nen Gemü­se­gar­ten in die Küche – und eben nicht der Trans­port per Auto oder Motor­rol­ler kilo­me­ter­lang durch dicht­be­fah­re­ne Städ­te.

Den Schuh muss sich auch der Ver­sand­händ­ler Zalan­do anzie­hen, des­sen Geschäfts­mo­dell nicht nur den sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del – und damit die „umwelt­freund­li­che“ Alter­na­ti­ve zum Online-Han­del – schä­digt, son­dern eine beque­me Paket-Men­ta­li­tät för­dert, die nicht nach der Umwelt fragt, wenn die anpro­bier­ten Schu­he wie­der retour gehen. Der publi­ci­ty-berech­nen­de Schul­ter­schluß mit „Fri­days for Future“ und die osten­ta­ti­ve Kli­ma­ra­di­ka­li­tät kön­nen auch hier als Kom­pen­sa­ti­on und Schön­fär­be­rei der eige­nen Umwelt­sün­den gel­ten.

Natür­lich kann man nicht erwar­ten, daß Unter­neh­men sich offen­siv vom Zeit­geist abhe­ben. Auf poli­ti­schen Oppor­tu­nis­mus ist in der Wirt­schaft nun ein­mal die Prä­mie Sicher­heit und öko­no­mi­sche Ren­ta­bi­li­tät gesetzt. Gleich­wohl kön­nen die Kos­ten für poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten auch schnell den Prä­mi­en­so­ckel über­stei­gen, sobald sie sich nicht mehr nur auf die kom­mu­ni­ka­ti­ve Außen­dar­stel­lung bzw. war­me Wor­te beschrän­ken. Dies haben wir in unse­rer Stu­die über die »Cor­po­ra­te Soci­al Responsibility«-Strategien gro­ßer Dax-Unter­neh­men in Heft 5 gezeigt.

Dort haben wir außer­dem her­aus­ge­stellt, daß es für Unter­neh­men in kon­for­mis­ti­schen Zei­ten klü­ger sein kann – frei­lich ohne offe­ne Oppo­si­ti­on zum Haupt­strom – auf dem sozia­len Feld Allein­stel­lungs­merk­ma­le zu kre­ieren. Wie­so enga­giert sich ein Lie­fer­un­ter­neh­men, das tau­sen­de Fahr­zeu­ge auf die Stra­ßen schickt, nicht im Bereich der Ver­kehrs­si­cher­heit? Oder ein Online-Ver­sand­händ­ler, der am Ver­fall von Innen­städ­ten mit­wirkt, an Pro­jek­ten zur Alt­stadt- und Denk­mal­pfle­ge?

Eine brei­te Fäche­rung sozia­ler Unter­neh­mens-Akti­vi­tä­ten wäre von höhe­rem gesell­schaft­li­chem Nut­zen, als die rhe­to­ri­sche Kon­zen­tra­ti­on auf „Trend-Berei­che“ wie Kli­ma­schutz, Flücht­lings­hil­fe und Diver­si­ty. Wenn Unter­neh­men wirk­lich an sozia­ler Ver­ant­wor­tung inter­es­siert sind, dann darf es dazu schon ein biss­chen mehr Mut zum Allein­stel­lungs­merk­mal – zur Abwei­chung vom Main­stream – sein.

Heft 7 von Recher­che D erscheint Anfang Novem­ber und wird sich schwer­punkt­mä­ßig mit »Öko­lo­gie und Öko­no­mie« beschäf­ti­gen. Hier kön­nen Sie unser Maga­zin abon­nie­ren.

(Bild: Pixabay)

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